🗞 44/2026

Wirksame Impfung beim malignen Melanom · Wenn Nervenzellen Entzündungen auslösen · Blick in die Vergangenheit von Zellen · Echte Muskeln für Miniroboter · Buchtipp: „Der letzte Patient" · Neurotechnologie und Menschenrechte · Serie Zweitmeinung (4/5)

🗞 44/2026
Foto der Woche Francesco Liotti

📌 5 weekly picks

1 📌 Malignes Melanom: Personalisierte mRNA-Krebsimpfung senkt Rückfallrisiko um 42 Prozent

Eine personalisierte mRNA-Krebsimpfung in Kombination mit einer Immuntherapie kann das Rückfallrisiko beim Melanom deutlich senken kann. Das sind die Zwischenergebnisse der Phase-III-Studie INTerpath-001, die am 24. Oktober beim Europäischen Krebskongress ESMO in Madrid vorgestellt wurden. Die Studie wurde zur Veröffentlichung im New England Journal of Medicine angenommen. Das Hauttumorzentrum des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) war das führende deutsche Studienzentrum.

Weltweit wurden 1.137 Patient:innen mit vollständig entferntem Melanom im Stadium IIB bis IV aufgenommen. Zwei Drittel erhielten die personalisierte Impfung zusätzlich zu Pembrolizumab, ein Drittel ein Placebo. Der Impfstoff wurde individuell aus dem jeweiligen Tumorgewebe hergestellt und enthielt bis zu 34 tumorspezifische Merkmale (Neoantigene). Nach einer medianen Beobachtungszeit von rund zwei Jahren lebten in der Impfstoffgruppe 82,2 Prozent der Patient:innen ohne Rückfall, in der Vergleichsgruppe 70,0 Prozent. Das Risiko für einen Rückfall oder Tod sank um 42 Prozent, das Risiko für Fernmetastasen oder Tod um 38 Prozent. Die Impfung war insgesamt gut verträglich; zusätzliche Nebenwirkungen waren überwiegend leichte bis mäßige Reaktionen an der Einstichstelle und grippeähnliche Beschwerden.

„Damit liefert INTerpath-001 erstmals in einer großen Phase-III-Studie den Nachweis, dass eine personalisierte mRNA-Krebsimpfung in Kombination mit einer Immuntherapie das Rückfallrisiko beim Melanom deutlich senken kann", erklärt Prof. Dr. Christoffer Gebhardt, Stellvertretender Direktor der Klinik für Dermatologie und Venerologie und Leiter des Hauttumorzentrums des UKE.

🔗 Quelle: Pressemitteilung des UKE ·

👉 Weitere Informationen des UKE zur Hautkrebsimpfung

2 📌 Alzheimer und Parkinson: Wenn Nervenzellen selbst Entzündungen auslösen

Eine neue Hypothese zur Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen des Gehirns rückt Herpesviren und die Rolle von Nervenzellen bei chronischen Entzündungsprozessen im Gehirn in den Fokus. Ein von der Volkswagen-Stiftung gefördertes Projekt unter Leitung der Technischen Universität Braunschweig verfolgt die sogenannte „Dual-Hit-Viruslatenz-Hypothese" - und rückt die Nervenzellen selbst – und weit verbreitete Herpesviren – als Auslöser chronischer Entzündungsprozesse im Gehirn in den Mittelpunkt.

Ausgangspunkt ist die Fähigkeit bestimmter Herpesviren, über lange Zeit symptomlos im Körper zu verbleiben. Dazu zählt etwa das Cytomegalievirus, das rund 70 Prozent der Erwachsenen in sich tragen. Die Hypothese: Solche Viren könnten auch in Nervenzellen latent vorhanden sein. Alterungsprozesse, Umweltgifte oder psychischer Stress könnten eine Reaktivierung begünstigen – die betroffenen Nervenzellen daraufhin Signale aussenden, die Immunreaktionen im Gehirn anstoßen oder verstärken.

„Wiederholen sich solche Phasen der Virusreaktivierung und Entzündung, könnte daraus ein Kreislauf entstehen, der Nervenzellen zunehmend belastet", sagt Prof. Martin Korte von der TU Braunschweig.

Die Folgen reichten von einer gestörten Kommunikation zwischen den Zellen bis zu Schäden, die neurodegenerative Prozesse begünstigen. Ob und unter welchen Bedingungen dieser Mechanismus beim Menschen tatsächlich auftritt, ist Gegenstand der laufenden Forschung. Der neue Ansatz könnte dazu beitragen, bislang wenig verstandene Zusammenhänge zwischen Infektionen, Alterungsprozessen und neurodegenerativen Erkrankungen besser zu erklären.

🔗 Quelle: Presseinformationen der TU Braunschweig

3 📌 Blick in die Vergangenheit - Neue Methode zeigt, was eine Zelle vor Tagen getan hat

Viele biologische Moleküle sind kurzlebig und vergänglich. Forschende der ETH Zürich entwickelten nun eine Art Archivfunktion, die erstmals einen Blick in die Vergangenheit von Zellen ermöglicht. Sie könnte es erlauben, der Entstehung von Krebszellen auf den Grund zu gehen. Welche Gene in einer Zelle aktiv sind, messen Forschende über RNA-Moleküle – Abschriften der aktiven Gene. Bisher allerdings nur als Momentaufnahme: Die RNA wird bei der Messung zerstört, jede Zelle lässt sich nur einmal untersuchen. Die Wissenschaftleri:innen am Departement Biosysteme der ETH Zürich in Basel konnten nun die RNA-Moleküle in Zellen über mehrere Tage konservieren.

Damit lässt sich erstmals rekonstruieren, welche Gene früher aktiv waren – nicht nur der aktuelle Zustand einer Zelle. Eine Stärke der Methode liegt in Fällen, in denen Zellen erst später als interessant erkannt werden, etwa Krebszellen, die eine Therapie überleben: Rückblickend ließe sich untersuchen, was diese Zellen vor und während der Behandlung anders gemacht haben.

Ein möglicher Anwendungsbereich sind Tumorzellen, die eine Chemotherapie überleben. Solche Zellen können später zu einem Rückfall beitragen. «Wenn wir unser System in der Krebsforschung einsetzen können, werden wir persistierende Zellen isolieren und in deren Vergangenheit blicken können. So können wir erforschen, wie sich diese Zellen bilden und entwickeln. Das könnte die Krebsforschung entschieden weiterbringen.», sagt Christopher Reinkemeier, einer der Erstautoren der Studie.

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Zur Originalstudie
Reinkemeier CD, Manero-Carranza M, Farouni R, Filice F, Klotz A, Schneider-Heieck K, Andermann TL, Platt RJ: Recordanelles for transcriptome-wide single-cell RNA recording in human cells. Nature Biotechnology, 21. Oktober 2026, DOI: externe Seite10.1038/s41587-026-03327-6

🔗 Quelle: ETH Zürich

4 📌 Biohybride Roboter: Echte Muskeln lassen Miniroboter springen, schwimmen und greifen

Forscher der ETH Zürich haben lebende Muskelantriebe entwickelt, die kleine Roboter springen, schwimmen, gehen und greifen lassen. Die etwa 1,5 Zentimeter langen Bioaktuatoren bestehen aus gezüchteten Muskelzellen von Mäusen und einem wasserreichen Hydrogel-Gerüst. Anders als bei bisherigen Ansätzen entwarf das Team beide Bestandteile gemeinsam: Eine Computersimulation suchte direkt nach Anordnungen, bei denen eine Muskelkontraktion das gesamte Bauteil möglichst weit verformt. Bei vergleichbarer Muskelmenge erreichen die Bioaktuatoren damit einen bis zu elfmal größeren Bewegungsumfang als frühere Konstruktionen.

Mit einer einzigen Kontraktion hebt sich ein Bioaktuator rund fünf Millimeter vom Boden einer Laborschale ab – etwa ein Drittel seiner Körperlänge. Eine gehende Variante legt 6,2 Millimeter pro Sekunde zurück und bewegt sich damit, gemessen an der Körperlänge, schneller als alle bisher beschriebenen gehenden Biohybrid-Roboter. Außerhalb des Labors können die Roboter noch nicht arbeiten: Das Muskelgewebe überlebt bislang nur in einer Nährflüssigkeit, größere Konstruktionen bräuchten zudem ein künstliches Gefäßsystem, das Sauerstoff und Nährstoffe zuführt und Abfallstoffe abtransportiert.

🔗 Quelle: all-ai.de

5 📌 „Der letzte Patient": Welche Medizin wir wollen

“Es gibt Bücher über die Zukunft der Medizin, die vor allem von neuen Technologien erzählen – und solche, die eine Ebene tiefer gehen und fragen, was diese Technologien mit uns Menschen und unserer Gesellschaft machen.” Für Prof. Dr. Jochen A. Werner, ehem. CEO der Universitätsmedizin Essen, gehört der Band „Der letzte Patient" von Dr. André T. Nemat zur zweiten Kategorie.

Paradigmenwechsel von „Find & Fix" zu „Predict & Prevent":

“Unsere Medizin funktioniert noch immer weitgehend wie eine hochprofessionelle Feuerwehr. Wir warten, bis eine Erkrankung sichtbar wird, diagnostizieren sie und behandeln sie. Die Medizin der Zukunft wird sehr viel früher ansetzen. Der digitale Zwilling könnte dafür Genom, Laborwerte, Bildgebung, Mikrobiom, Vitaldaten und Informationen über unseren Lebensstil zu einem dynamischen Modell unseres Körpers zusammenführen. Krankheitsentwicklungen und Therapien könnten simuliert werden, bevor überhaupt Symptome entstehen.”, schreibt Werner in seinem LinkedIn-Account.

Was aber geschieht, wenn wir eines Tages sehr genau wissen, welches individuelle Krankheitsrisiko ein Mensch trägt und wie stark er dieses Risiko durch sein Verhalten beeinflussen kann. Aus Schicksal könnte zunehmend Verantwortung werden – und aus Verantwortung irgendwann Schuld. Nemat entwickelt daraus das beunruhigende Szenario eines möglichen „Bio-Scores", der Gesundheitsdaten zu einer neuen Bewertungsgröße machen könnte.

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Der letzte Patient
Warum wir in Zukunft nicht mehr krank werden müssen |Digitale Zwillinge & Co - Wie die KI die Medizin radikal verändert.
André T. Nemat

🔗 Quelle: Beitrag von Prof. Werner auf LinkedIn

👉 weiterlesen: Beitrag der Universität Witten-Herdecke mit Dr. André T. Nemat

PLUS … : Neurotechnologie und Menschenrechte

Der UN-Generalsekretär hat Ende August 2026 einen Bericht zu Neurotechnologie und Menschenrechten vorgelegt (A/81/351). Darin warnt er, dass Anwendungen, die bis vor Kurzem auf klinische und Forschungsumgebungen begrenzt waren, zunehmend auch bei Strafverfolgungsbehörden Eingang finden.

“Diese auf Gehirnaktivität basierenden Techniken zur Erkennung von Täuschung geben Anlass zu ernsthaften Bedenken
hinsichtlich Einwilligung, Zwang, Zuverlässigkeit und dem Recht, sich nicht selbst belasten zu müssen.”
“Die Aussicht, Personen als zukünftige Straftäter zu identifizieren, bevor eine Straftat begangen wurde, wirft besonders schwerwiegende Bedenken hinsichtlich der Menschenrechte auf, insbesondere im Zusammenhang mit der Unschuldsvermutung.”

Der Bericht dokumentiert verschiedene nationale Regulierungsansätze und formuliert eine Reihe von Empfehlungen, die mit internationalem Menschenrechtsrecht und einschlägigen internationalen Standards und Leitlinien der Menschenrechtsmechanismen der Vereinten Nationen im Einklang stehen.

🔗 Quelle: Bericht des UN-Generalsekretärs A/81/351

💬 Über unseren Tellerrand

1 🤖 Tesla startet Serienproduktion des humanoiden Roboters Optimus

Tesla hat in seinem Werk in Fremont, Kalifornien, mit der Produktion des humanoiden Roboters „Optimus" begonnen. „Die Roboter, die hier vom Band laufen, sind die ersten Roboter in Serienqualität, die wir hergestellt haben", teilte das Unternehmen in seinem Quartalsbericht mit. Elon Musk rechnet damit, Optimus Ende 2027 an Kunden ausliefern zu können; mindestens ein Jahr werde es dauern, bis 20.000 Einheiten pro Woche produziert werden könnten.

🔗 Quelle: Business Insider

2 🦣 Eiszeit-Kulturen waren viel stärker vernetzt als gedacht

Vor mehr als 30.000 Jahren waren die Menschen der Gravettien-Kultur stärker miteinander vernetzt als bisher angenommen. Ein internationales Team unter Leitung der Universität Wien kombinierte dafür Genomdaten seltener menschlicher Überreste mit menschlicher DNA aus Höhlensedimenten. Das Genom einer Frau aus der Isturitz-Höhle in Südwestfrankreich, die vor etwa 30.000 Jahren lebte, liefert den bislang ältesten genomweiten Datensatz eines modernen Menschen aus Südwesteuropa: Der Großteil ihrer Abstammung gehört zur westeuropäischen Linie, doch sie trägt auch Merkmale mittel- und osteuropäischer Populationen. Der Genfluss wird auf vor etwa 32.500 bis 31.500 Jahren datiert.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass osteuropäische und westeuropäische Populationen genetisch nicht so isoliert waren, wie bisher angenommen", sagt Erstautor Pere Gelabert vom Institut für Evolutionsanthropologie der Universität Wien.

🔗 Quelle: weiterlesen Pressemitteilung der Universität Wien

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1️⃣ Schulter-Implantate – Große Unterschiede zwischen Kliniken

Wie das Ärzteblatt berichtet, gibt es bei der Implantation künstlicher Schultergelenke offenbar große Qualitätsunterschiede zwischen Kliniken. Das zeige eine Auswertung von knapp 13.000 Operationen bei AOK-Versicherten, die das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) im Rahmen des Verfahrens „Qualitätssicherung mit Routinedaten" (QSR) analysiert hat: Die risikoadjustierte Komplikationsrate lag bei den am besten abschneidenden Kliniken bei 3,6 Prozent, im Fünftel der am schlechtesten bewerteten Kliniken bei 14,5 Prozent. Insgesamt wurden 12.844 Fälle von AOK-Versicherten einbezogen, die zwischen 2020 und 2024 an 178 Klinikstandorten operiert worden waren; die durchschnittliche Gesamtkomplikationsrate lag bei 8,6 Prozent. Der Eingriff wird in Deutschland rund 37.000 Mal pro Jahr durchgeführt. „Diese Auswertungen auf Basis von Routinedaten können den Patientinnen und Patienten, aber auch einweisenden Ärztinnen und Ärzten eine wichtige Orientierungshilfe bei der Auswahl der besten Klinik bieten", sagte AOK-Bundesverband-Vorstandsvorsitzende Carola Reimann.

🔗 Quelle: Deutsches Ärzteblatt

👉 Weiterlesen Zum  QSR-Verfahren für 2026

2️⃣ Krebsforschungszentren bündeln Kräfte in der Krebsprävention

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) und das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS haben eine gemeinsame Nutzung von Infrastrukturen und Datenbeständen, Nachwuchsförderung, Politikberatung zur Krebsprävention und konkrete Kooperationsprojekte vereinbart. Erste Projekte – finanziert durch die Deutsche Krebshilfe bzw. die EU – starten bereits dieses Jahr mit der Umsetzung eines risikoadaptierten Prostatakrebs-Screenings in Deutschland, das in der Rhein-Neckar-Region und in Bremen mit unterschiedlichen, sich ergänzenden Zugangswegen getestet wird. Eine zentrale Rolle spielt das Nationale Krebspräventionszentrum, das das DKFZ in strategischer Partnerschaft mit der Deutschen Krebshilfe aufbaut.

🔗 Quelle: Pressemitteilung DKFZ

🤕 IchalsPatient:in

1️⃣ Ich als Patient:in: KI-Verbund PROMETHEUS für bessere Prostatakrebs-Behandlung

Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung des Mannes. Früh erkannt ist er gut behandelbar, doch das derzeit unorganisierte Screening führt zu vielen unnötigen Biopsien und zur Diagnose von Tumoren, die nicht behandlungsbedürftig sind. Hier setzt das EU-Konsortium PROMETHEUS an: Statt einzelne Parameter zu betrachten, soll ein intelligentes Multi-Agenten-System eine integrierte Sicht bieten: Die einzelnen KI-Agenten analysieren klinische Patientendaten, multiparametrische Bildgebung, pathologische Befunde und onkologische Langzeitverläufe. Die Zusammenführung soll ermöglichen, Krankheitsverläufe umfassend und dynamisch zu modellieren. Das soll Ärztinnen und Ärzte künftig dabei unterstützen, individuell und patientenspezifisch einzuschätzen, ob ein Eingriff notwendig ist und welche Therapie für einen Patienten am besten geeignet ist.

Neben dem DKFZ gehören zum PROMETHEUS EU-Konsortium das Erasmus Medical Center in Rotterdam, das Universitätsklinikum Heidelberg, das Karolinska Institutet in Stockholm, das Radboud University Medical Center in Nijmegen, die Universität Umeå und PNO Innovation.

🔗 Quelle: Pressemitteilung DKFZ

🧭 MINQ Expertenkompass · Serie Zweitmeinung (4/5)

Wann sich eine Zweitmeinung lohnt – und wann sie nur verzögert

Der Ausgangspunkt

In Folge 3 ging es darum, wie ein Zweitmeinungsverfahren organisatorisch beschleunigt werden kann. Heute geht es um die vorgelagerte Frage, die im Praxisalltag oft unausgesprochen bleibt: Ist die Zweitmeinung in diesem konkreten Fall ein Gewinn an Entscheidungssicherheit – oder kostet sie vor allem Zeit, die der Patientin oder dem Patienten schadet?

Was Zeit tatsächlich kostet

Die belastbarsten Zahlen stammen aus der Onkologie. Eine Metaanalyse im BMJ mit 34 Studien und rund 1,27 Millionen Patientinnen und Patienten zeigt: Bereits eine vierwöchige Verzögerung einer kurativen Krebsoperation ist mit einem um 6 bis 8 % erhöhten Sterberisiko verbunden; bei adjuvanter Chemotherapie des kolorektalen Karzinoms liegt der Wert bei 13 %, bei der kurativen Strahlentherapie von Kopf-Hals-Tumoren bei 9 % (BMJ 2020, Hanna et al.).

“Even a four week delay of cancer treatment is associated with increased mortality across surgical, systemic treatment, and radiotherapy indications for seven cancers.” BMJ

Zweitmeinungen in der Onkologie müssen deshalb zügig organisiert sein.

Wie groß der Zeitverlust in der Praxis tatsächlich ist, zeigt eine Kohortenstudie aus der Cleveland Clinic bei 226 Patientinnen mit frühem Mammakarzinom: Patientinnen, die zur Zweitmeinung kamen, wurden im Median nach 42 statt 31 Tagen ab Biopsie behandelt – also 11 Tage später, aber weiterhin innerhalb des empfohlenen 60-Tage-Fensters (Annals of Surgical Oncology 2025). Den größten Anteil an der Verzögerung hatte nicht die Zweitmeinung selbst, sondern die zusätzliche Diagnostik: Sie war bei 88,5 % der extern diagnostizierten Patientinnen nötig, gegenüber 65,5 % der intern diagnostizierten – und führte bei einem Teil tatsächlich zu weiteren Befunden und geänderten Therapieplänen (MedPage Today).

Wann sich eine Zweitmeinung besonders lohnt – und wann eher nicht

Wie groß der Ermessensspielraum bei manchen Eingriffen ist, zeigen regionale Unterschiede: In Berlin wurden 2021 rund 47 % mehr Hüft-Endoprothesen je 100.000 Einwohner eingesetzt als im OECD-Durchschnitt (AOK Nordost). Genau für solche Konstellationen ist das Verfahren nach § 27b SGB V gedacht.

“Konkret wurden in Berlin im Jahr 2021 rund 253 Hüft-Endoprothesen je 100.000 Einwohner eingesetzt. In den 38 OECD-Ländern waren es im Schnitt nur 172 Hüft-Endoprothesen, wie eine Vergleichsstudie der OECD zeigt.” (AOK Nordost)

Die deutsche Realität: Kaum genutzt

Trotz Rechtsanspruch aber spielt das strukturierte Zweitmeinungsverfahren offenbar bislang kaum eine Rolle. Eine Analyse von rund 5.300 Operationen auf Basis von AOK-Nordost-Abrechnungsdaten fand eine dokumentierte Aufklärungüber das Zweitmeinungsrecht in nur 2,3 % der Fälle; tatsächlich in Anspruch genommen wurde die Zweitmeinung nur in 0,2 % (AOK Nordost). Als Gründe nennt die AOK die geringe Bekanntheit der Richtlinie unter Ärztinnen und Ärzten sowie die verbreitete Haltung, die freie Arztwahl ermögliche ohnehin eine Zweitmeinung.

“Aus Sicht der AOK Nordost sprechen diese Ergebnisse dafür, das Verfahren nicht nur auszuweiten, sondern Patientinnen und Patienten auch deutlich besser als bislang über ihren Anspruch auf das Zweitmeinungsverfahren zu informieren. Versicherte müssten auf ihren Anspruch hingewiesen und bei der Inanspruchnahme einer unabhängigen Zweitmeinung praktisch unterstützt werden.” (AOK Nordost)