🗞 41/2026

Brustkrebsmonat · Depression: Lebensgeschichte als Wegweiser · KI-Assistent hört Patientinnen und Patienten zu · Studie: Selbstbewusst im Umgang mit KI · Eierstockkrebs: Immunzellen im Tumor helfen, die Chemoresistenz zu durchbrechen · 🧭 MINQ Expertenkompass 🧑‍🧑‍🧒‍🧒 Serie Zweitmeinung (1/5)

🗞 41/2026
Foto der Woche von Kris Tian

📌 5 weekly picks

1 📌 Brustkrebsmonat Oktober: Fachgesellschaften warnen vor Budgetierung der Früherkennung

Etwa jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs, laut Robert Koch-Institut wurden allein 2023 mehr als 75.000 Neuerkrankungen bei Frauen diagnostiziert. Zum Brustkrebsmonat Oktober rücken die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und die Deutsche Gesellschaft für Senologie (DGS) die Versorgung in den Fokus und sprechen sich ausdrücklich gegen eine Budgetierung des Mammographie-Screening-Programms aus. Hintergrund ist das geplante GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, mit dem die bislang extrabudgetäre Vergütung des Screenings entfallen könnte, ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem das Programm ausgeweitet werden soll.

„Eine Budgetierung darf nicht dazu führen, dass ausgerechnet bei einer strukturierten Früherkennungsmaßnahme finanzielle Begrenzungen den Zugang oder die Qualität der Versorgung beeinträchtigen“, sagt DGGG-Präsident Prof. Dr. Gert Naumann.

Zweites wichtiges Thema ist die Deeskalation: Die aktualisierte S3-Leitlinie Mammakarzinom empfiehlt für bestimmte Patientinnengruppen, auf zusätzliche operative Maßnahmen ohne nachgewiesenen Nutzen zu verzichten.

„Deeskalation in der Therapie von Brustkrebs bedeutet nicht weniger Sicherheit, sondern eine präzisere Auswahl derjenigen Maßnahmen, von denen die einzelne Patientin tatsächlich profitiert“, so DGS-Vorsitzender Prof. Dr. Andreas Schneeweiss.

Ebenfalls im Blickfeld bleiben sollte das Thema Brustkrebs bei Männern: In Deutschland erkranken jährlich etwa 700 Männer an Brustkrebs (Krebsinformationsdienst). Ein Früherkennungsprogramm gibt es für sie nicht, die Leitlinie betont deshalb die besondere Wichtigkeit der Aufklärung auch durch Hausärzte, und eine genetische Beratung.

🔗 Quelle: Pressemitteilung von DGGG und DGS

2 📌 Depression: Die Lebensgeschichte als Wegweiser zur passenden Therapie

Welche Therapie hilft welchem Menschen am besten? Bei Depressionen lässt sich das oft nicht im Voraus sagen. Zum Europäischen Depressionstag am 4. Oktober stellte das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG), Standort München-Augsburg, einen Ansatz vor, der frühe Belastungserfahrungen in die Therapiewahl einbezieht. Grundlage ist die Analyse einer randomisierten Therapiestudie mit 253 Erwachsenen mit früh beginnender chronischer Depression: Bei bestimmten Mustern von Vernachlässigung und Missbrauch in der Kindheit sprachen die Betroffenen signifikant besser auf die speziell entwickelte Psychotherapie CBASP an als auf eine unspezifische supportive Psychotherapie. Entscheidend ist offenbar nicht nur, ob frühe Belastungen vorliegen, sondern in welcher Kombination.

„Ziel ist nicht, Menschen aufgrund ihrer Vergangenheit einer Therapie zuzuordnen“, betont Studienleiter Prof. Dr. Frank Padberg vom LMU Klinikum. Vielmehr sollen bislang kaum berücksichtigte Informationen für die Praxis nutzbar werden. Am Standort München-Augsburg entsteht nun ein validiertes klinisches Tool, das solche Erfahrungen mit wenigen Fragen erfasst und Behandlungsentscheidungen unterstützt. Der Ansatz wird derzeit in einer klinischen Studie geprüft.

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Was ist CBASP?
Das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy wurde speziell für chronische Depressionen entwickelt. Es setzt an prägenden Beziehungserfahrungen an: Rückzug, Misstrauen oder das Vermeiden von Nähe haben in einer belastenden Kindheit oft Schutz geboten, erschweren später aber Beziehungen. In der Therapie werden diese Muster erkannt, von heutigen Beziehungen abgegrenzt und neue Verhaltensweisen erarbeitet.

🔗 Quelle: Pressemitteilung des DZPG

Zur Originalpublikation: Goerigk S et al., The Lancet Psychiatry 2024, DOI 10.1016/S2215-0366(24)00209-8

3 📌 ResPECT: Ein KI-Assistent soll hören, wie es Patientinnen und Patienten wirklich geht

Schmerzen nach der Operation, Nebenwirkungen, Angst vor dem weiteren Verlauf, Sorgen um Angehörige oder den Beruf: Vieles davon wird im klinischen Alltag nur unvollständig erfasst oder erreicht die Behandlungsteams spät oder gar nicht. Ein internationales Konsortium unter Leitung der Medizinischen Fakultät Heidelberg entwickelt deshalb einen KI-gestützten Assistenten, dem Patientinnen und Patienten ihr Befinden jederzeit schildern können, frei erzählt, in ihrer Muttersprache, schriftlich oder per Spracheingabe. Das Tool soll Belastungen in Echtzeit erkennen, ein laienverständliches Feedback mit Handlungsempfehlungen geben und eine strukturierte Zusammenfassung in die Patientenakte übermitteln. Bei hochdringlichen Themen wie Suizidgedanken oder Fieber unter Chemotherapie soll es gezielt nachfragen.

Entwickelt und geprüft wird der Assistent zunächst für Brustkrebspatientinnen und für Menschen mit Depressionen, auf Basis eines europäischen Open-Source-Sprachmodells. Koordinator ist Dr. André Pfob, wissenschaftlicher Leiter der Studienzentrale Senologie und Forscher am neuen Institute for Medical AI (IMAI) des Universitätsklinikums Heidelberg. Die EU fördert ResPECT im Rahmen von Horizon Europe vier Jahre lang mit rund 15,8 Millionen Euro, Projektstart war der 1. Oktober 2026. Das Projekt knüpft an das Thema an, die Behandlungsqualität aus Sicht der Betroffenen messbar zu machen, wie es bisher Fragebögen (PROM, PREM) versuchen, nur flexibler und näher am einzelnen Menschen.

🔗 Quelle: Pressemitteilung der Medizinischen Fakultät Heidelberg

🔗 ResPECT im GenAI4Health-Cluster der EU

4 📌 Aufmerksam ja, bewusst nein: Wie Menschen Künstliche Intelligenz einschätzen

Der KI-Hype legt oft nahe, aktuelle Systeme hätten so etwas wie ein Bewusstsein, wissenschaftliche Belege dafür gibt es bislang nicht. Eine Studie der LMU München zeigt nun: Auch die meisten Menschen sprechen KI kein Bewusstsein zu, selbst wenn sie sich genauso verhält wie ein Mensch. Das Team um Dr. Louis Longin und Prof. Dr. Ophelia Deroy vom Lehrstuhl für Philosophy of Mind ließ 1.092 Teilnehmende kurze Szenarien lesen, in denen KI-Akteure oder Menschen unterschiedlich stark auf ihre Umgebung reagierten. Ergebnis: Selbst die reaktionsstärkste KI wurde als weniger bewusst eingestuft als der am wenigsten reaktionsfähige Mensch. Beim Begriff „Aufmerksamkeit“ (awareness) dagegen urteilten die Teilnehmenden bei KI und Mensch weitgehend gleich.

Für Mitautor Bahador Bahrami folgt daraus eine Lehre für unsere Wortwahl: Unternehmen und Medien schrieben KI-Modellen oft Absichten, Pläne oder sogar ein moralisches Gewissen zu. Die alltäglichen Urteile der Menschen fielen dagegen viel differenzierter aus.

🔗 Quelle: Pressemitteilung der LMU

Zur Originalpublikation: Longin L et al., Cognition (2026), DOI 10.1016/j.cognition.2026.106733

5 📌 Eierstockkrebs: Immunzellen im Tumor helfen, die Chemoresistenz zu durchbrechen

Das wenig differenzierte seröse Ovarialkarzinom ist die häufigste und aggressivste Form von Eierstockkrebs. Die meisten Patientinnen sprechen zunächst gut auf Operation und Chemotherapie an, doch die Erkrankung kehrt fast immer chemoresistent zurück. Ein Team um Dr. Ricardo Coelho von der Ovarian Cancer Research Group am Departement Biomedizin, einem Gemeinschaftsprojekt der Universität Basel und des Universitätsspitals Basel, zeigt nun einen Ausweg: Wird zunächst Chemotherapie (Carboplatin oder Paclitaxel) und anschließend der in klinischer Erprobung befindliche Wirkstoff Birinapant gegeben, sterben deutlich mehr Krebszellen ab als mit Chemotherapie allein. Birinapant gehört zu den SMAC-Mimetika, die das „Selbstzerstörungsprogramm“ der Krebszelle, den programmierten Zelltod, wieder einschalten.

Überraschend ist, warum die Kombination wirkt: Die Chemotherapie löst ein immunologisches Alarmsignal (TNF-alpha) aus, und dieses stammt überwiegend von tumorassoziierten Makrophagen, also Immunzellen im Tumor selbst. Als zweiten Marker identifizierte das Team das Oberflächenprotein Mesothelin: Krebszellen mit wenig Mesothelin reagierten deutlich stärker. Getestet wurde mit der eigens entwickelten Labormethode DRUGSENS, bei der Tumorgewebe von Patientinnen samt seiner Immunzellen am Leben erhalten wird. „Das immunologische Milieu des Tumors ist kein bloßer Zuschauer“, sagt Coelho. Ziel ist, künftig vorherzusagen, welche Patientinnen von der Kombination profitieren. Die Wilhelm Sander-Stiftung förderte das Projekt mit rund 134.000 Euro.

🔗 Quelle: Pressemitteilung der Wilhelm Sander-Stiftung

Zur Originalpublikation: Coelho R et al., bioRxiv 2024 (Preprint), DOI 10.1101/2024.01.24.576987, derzeit in Revision bei Cell Death & Differentiation. Zur Methode: Labrosse KB et al., npj Precision Oncology 2026, DOI 10.1038/s41698-026-01321-4

PLUS …

📎 Sind Babys bewusst? Carl Zimmer geht in der New York Times der Frage nach dem Bewusstsein bei Neugeborenen nach. Ein überraschend verlässlicher Hinweis auf Bewusstsein ist eine kurze Reaktion des Gehirns auf einen unerwarteten Ton, die Menschen im Koma oder im Schlaf nicht zeigen. Neugeborene können weder sprechen noch ihren Blick fokussieren, ob sie bewusst erleben, ist umstritten. In einer Umfrage unter 247 Teilnehmenden zweier Bewusstseinskonferenzen hielten 75 Prozent Neugeborene für bewusst, die größte Gruppe (44 Prozent) vermutet den Beginn des Bewusstseins um oder nach der 24. Schwangerschaftswoche.

👉 Zum freigeschalteten Originalartikel in der New York Times: Are Babies Conscious?

Zur Umfrage: Passos-Ferreira C, Chalmers DJ, Neuroscience of Consciousness 2026, DOI 10.1093/nc/niag014

📎 Nachgereicht zur Narkose-Meldung aus 40/2026: Das Institute of Science and Technology Austria (ISTA) hat zur Studie über die Rolle der Mikroglia beim Erwachen aus der Ketamin-Narkose einen ausführlichen Hintergrundbericht veröffentlicht. Bemerkenswert: Bei ihrer Literaturrecherche fanden Prof. Sandra Siegert und Alessandro Venturino kaum Studien, in denen Ketamin an Frauen getestet wurde. Frauen bekommen Medikamente, die an Männern getestet wurden, so die Konsequenz. Aus der Forschung ist inzwischen das Start-up Syntropic Medical hervorgegangen.

🔗 Zum Hintergrundbericht des ISTA vom 31.07.2026

💬 Über unseren Tellerrand

1 🚗 Wie soll ein automatisiertes Shuttle für Fußgänger bremsen?

Forschende der TU Chemnitz und der TU Berlin haben im Juli und August 2026 mit einem automatisierten Shuttle getestet, wie Fußgängerinnen und Fußgänger die Begegnung erleben. Insgesamt wurde die Interaktion als sicher, entspannt und effizient wahrgenommen. Ob das Fahrzeug automatisiert, manuell oder aus der Ferne teleoperiert fuhr, machte für die Wahrnehmung keinen Unterschied. Mit steigender Geschwindigkeit sank jedoch das Gefühl von Sicherheit leicht. Und: Nicht nur, dass das Fahrzeug anhält, zählt, sondern auch, wie es bremst und wo es zum Stehen kommt.

🔗 Quelle: Pressemitteilung der TU Chemnitz

2 🥗 Klimafreundliches Schulessen: Hauptsache, es schmeckt

Wann akzeptieren Schülerinnen und Schüler klimafreundlichere Mahlzeiten? Eine Studie der Universität Göteborg und der Chalmers University of Technology mit 1.268 Schülerinnen und Schülern der Klassen 4 bis 9 im schwedischen Lund zeigt: Weniger das Klimawissen entscheidet als die Frage, ob das Essen schmeckt, satt macht und vertraut wirkt. Etwa vier von zehn waren neutral, Befürworter und Gegner hielten sich ungefähr die Waage. Weniger Fleisch in bekannten Rezepten kam besser an als zusätzliche rein vegetarische Tage. „Die Schülerinnen und Schüler kennen den Klima-Fußabdruck von Lebensmitteln, aber wenn es Zeit fürs Mittagessen ist, wird anderes wichtiger“, sagt die Public-Health-Forscherin Monica Hunsberger.

🔗 Quelle: Universität Göteborg

Zur Originalpublikation: Appetite 2026, DOI 10.1016/j.appet.2026.108793

📣 Ankündigungen

1️⃣ 🩸 Jahrestagung Hämatologie und Medizinische Onkologie in Wien

Der größte Kongress des Fachgebiets im deutschsprachigen Raum läuft, während Sie diese Ausgabe lesen: die gemeinsame Jahrestagung der deutschen, österreichischen und schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO, OeGHO, SGMO und SGH). Mehr als 800 eingereichte Abstracts zeigen die Breite des Fachs. Im Mittelpunkt stehen Krebs als systemische Erkrankung, personalisierte Behandlungsansätze und die Frage, wie interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit in ökonomisch schwierigen Zeiten gelingt. Die Pflegetagung widmet sich unter anderem dem Symptommanagement, KI in der klinischen Praxis und der CAR-T-Zelltherapie im D-A-CH-Raum. Kongresspräsidentin ist Prof. Dr. Maike de Wit (Vivantes Klinikum Neukölln), Kongresspräsident Univ.-Prof. Dr. Dominik Wolf (Medizinische Universität Innsbruck). Ihr Fach verbinde „Hightech“ und „sprechende Medizin“, sagt de Wit.

👉 Zur Kongressseite

🔗 Quelle: Pressemitteilung der DGHO im idw

📅 Wann: Freitag, 9., bis Montag, 12. Oktober 2026

📍 Wo: Austria Center Vienna, Bruno-Kreisky-Platz 1, 1220 Wien

🧭 MINQ Expertenkompass - 🧑‍🧑‍🧒‍🧒 Serie Zweitmeinung (1/5)

Mit dieser Ausgabe startet unsere neue Rubrik: Den Auftakt macht eine Serie in fünf Folgen zur ärztlichen Zweitmeinung.

Was gesetzlich gilt

Seit 2019 haben gesetzlich Versicherte nach § 27b SGB V einen Anspruch auf eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung, wenn die Indikation zu einem planbaren Eingriff gestellt wird, bei dem eine Gefahr der Indikationsausweitung nicht auszuschließen ist. Der Gemeinsame Bundesausschuss G-BA legt fest, für welche Eingriffe dieser Anspruch konkret gilt.

Ein rechtlicher Zweitmeinungsanspruch besteht aktuell bei den folgenden Eingriffen:

  • Amputation beim diabetischen Fußsyndrom
  • Eingriffe an Aortenaneurysmen
  • Eingriffe an der Halsschlagader
  • Eingriff an der Wirbelsäule
  • Eingriff an Gaumen- oder Rachenmandeln (Tonsillektomie, Tonsillotomie)
  • Eingriffe bei lokal begrenztem und nicht metastasiertem Prostatakarzinom
  • Eingriffe zum Hüftgelenkersatz
  • Einsetzen einer Knieendoprothese
  • Einsetzen eines Herzschrittmachers oder eines Defibrillators
  • Gallenblasenentfernung (Cholezystektomie)
  • Gebärmutterentfernung (Hysterektomie)
  • Gelenkspiegelungen an der Schulter (Schulterarthroskopie)
  • Herzkatheteruntersuchung und Ablationen (Verödungen) am Herzen

Der G-BA erweitert diese Liste jährlich um mindestens zwei weitere Eingriffe.

Wichtig für die Zuweisung: Die Zweitmeinung darf nicht bei dem Arzt oder der Einrichtung eingeholt werden, die den Eingriff selbst durchführen soll. Zweitmeinungsgebende müssen über eingriffsspezifische, vom G-BA definierte Qualifikationen verfügen, langjährige einschlägige fachärztliche Erfahrung nachweisen, unabhängig sein und dürfen keine Interessenkonflikte haben.

Der G-BA legt indikationsspezifische Anforderungen an die Abgabe der Zweitmeinung zum empfohlenen Eingriff und an die Erbringer einer Zweitmeinung fest, um eine besondere Expertise zur Zweitmeinungserbringung zu sichern. Kriterien für die besondere Expertise sind

  1. eine langjährige fachärztliche Tätigkeit in einem Fachgebiet, das für die Indikation zum Eingriff maßgeblich ist, und
  2. Kenntnisse über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung zur jeweiligen Diagnostik und Therapie einschließlich Kenntnissen über Therapiealternativen zum empfohlenen Eingriff.

    Der Gemeinsame Bundesausschuss kann Anforderungen mit zusätzlichen Kriterien festlegen. Zusätzliche Kriterien sind insbesondere
  3. Erfahrungen mit der Durchführung des jeweiligen Eingriffs,
  4. regelmäßige gutachterliche Tätigkeit in einem für die Indikation maßgeblichen Fachgebiet oder
  5. besondere Zusatzqualifikationen, die für die Beurteilung einer gegebenenfalls interdisziplinär abzustimmenden Indikationsstellung von Bedeutung sind.

    Quelle: SGB V, § 27b Zweitmeinung

Außerhalb dieser gesetzlichen Liste bieten viele Krankenkassen Zweitmeinungen zusätzlich als freiwillige Leistung an – und bei nicht erfassten, aber komplexen Fällen bleibt die Wahl eines geeigneten Zweitmeiners weitgehend Ihrer eigenen Einschätzung überlassen. Genau dort setzt die unabhängige Recherche von MINQ an.

Was die Evidenz tatsächlich zeigt

Die Datenlage widerspricht der verbreiteten Annahme, eine Zweitmeinung sei meist nur eine höfliche Bestätigung: Studien zeigen relevante Änderungsraten, aber nicht automatisch, dass die Zweitmeinung jeweils die „richtigere“ war (AHRQ PSNet). Der Wert liegt weniger in einer pauschalen Bestätigungs- oder Korrekturquote als in der Systematik: Bei bestimmten Eingriffsklassen – Wirbelsäule, Prostatakarzinom, Herzklappen, komplexe onkologische Entscheidungen – lohnt sich eine zweite, unabhängige Einschätzung überdurchschnittlich häufig.

Worauf es bei der Auswahl wirklich ankommt

Hilfreich bei der Auswahl sind die strukturellen Anforderungen, die der G-BA für Zentren definiert – sie zeigen, wonach sich eine seriöse Einschätzung von Spezialisierung richten sollte. Beispiele aus den aktuellen Zentrums-Regelungen (G-BA):

  • Onkologisches Zentrum: nachweisbare Erfahrung in mindestens fünf Tumorentitäten, je nach Entität definierte Mindestprimärfallzahlen pro Jahr (z. B. Mamma 100, Lunge 200, Prostata 100), histopathologische Diagnostik innerhalb von 24 Stunden.
  • Herzzentrum: mindestens 1.500 Fälle pro Jahr mit definierten herzchirurgischen Eingriffen.
  • Neurovaskuläres Zentrum: mindestens 1.000 Fälle pro Jahr mit Schlaganfall-Hauptdiagnosen, jährlich mindestens 100 mechanische Thrombektomien und 50 Stentings hirnversorgender Arterien.
  • Rheumatologisches Zentrum: mehr als 500 stationäre Fälle mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen pro Jahr oder mindestens 100 Fälle definierter seltener rheumatologischer Diagnosen.

Der Punkt für die eigene Entscheidung: Fragen Sie nicht „Ist das ein bekanntes Haus?“, sondern zum Beispiel: „Erfüllt die Abteilung die einschlägige Mindestfallzahl für genau diese Diagnose?“ Diese Angaben stehen in den Qualitätsberichten der Kliniken und werden von MINQ systematisch ausgewertet

MINQ Rechercheblick

Die Zweitmeinungsrichtlinie deckt bislang eine begrenzte Liste elektiver Eingriffe ab. Der überwiegende Teil komplexer Zuweisungsentscheidungen – seltene Diagnosen, uneindeutige Befunde, Erkrankungen ohne eigenen Zentrumsstatus – liegt außerhalb dieser Liste. Für unsere Recherche zu spezialisierten Ärztinnen, Ärzten und Zentren nutzen wir seit über 25 Jahren strukturierte Kriterien wie Fallzahlen, Zusatzqualifikationen, interdisziplinäre Anbindung und Fachreputation, unabhängig davon, ob eine Indikation auf der gesetzlichen Zweitmeinungsliste steht. Genau diese Recherchen bauen wir in den kommenden Wochen zu einem ersten MINQ-Wegweiser aus.

Eine Frage für die Praxis

Bei welcher Diagnose oder welchem Eingriff hätten Sie sich zuletzt eine verlässlichere Orientierung gewünscht, welches Zentrum wirklich spezialisiert ist – unabhängig davon, ob dafür ein gesetzlicher Zweitmeinungsanspruch besteht?

Schreiben Sie uns

Nächste Folge: Welche Fachdisziplinen bei komplexen Entscheidungen tatsächlich zusammenarbeiten sollten – und wie Sie das an einer Klinikstruktur erkennen.