🗞 40/2026

Qualität schlägt Kliniknähe · Sprunggelenkbruch: Nicht immer operieren · Weibliche Gehirne erholen sich anders · Multiple Sklerose: Wirkstoff macht Lähmungen rückgängig · Zweitmeinung jetzt auch beim Linksherzkatheter

🗞 40/2026
Photo by Sean Jahansooz

✍️ Liebe Leserinnen und Leser,

willkommen zurück nach der Sommerpause. Wir haben die längere Pause genutzt, um MINQ`s weekly picks neu aufzustellen. Mit dieser Ausgabe starten wir in die neue Saison.

Vertraut bleibt, was Sie an den weekly picks schätzen: 📌 fünf ausgewählte Meldungen aus Medizin und Gesundheitsversorgung, unser 💬 Blick über den Tellerrand, unsere Lieblingsrubrik 🤕 “IchalsPatient:in” wird verstärkt die Belange von Patient:innen aus deren Sicht aufgreifen. Neu hinzu kommt der 🧭 MINQ Expertenkompass. Er basiert auf den Ergebnissen unserer nun fast dreißigjährigen Erfahrung der Recherche von Medizinischer Expertise. Den Auftakt macht eine fünfteilige Serie zur ärztlichen Zweitmeinung: Wann verändert sie wirklich etwas, welche Fachdisziplinen sollten zusammenarbeiten, wie bereitet man sie vor, wann lohnt sie sich, und was ändert sich durch die neuen Beschlüsse des Gemeinsamen Bundesausschusses G-BA. Danach wendet sich der Expertenkompass Woche für Woche einzelnen Fachbereichen zu. Die Ergebnisse bündeln wir künftig in MINQ Wegweisern, die als eBooks erhältlich sein werden.

Wir freuen uns, dass Sie wieder dabei sind - und wie immer auf Ihre Rückmeldungen.

📌 5 weekly picks

1 📌 Asklepios Trendreport 2026: Qualität schlägt Kliniknähe

Was zählt für Patientinnen und Patienten bei der Wahl eines Krankenhauses? Eine repräsentative Bevölkerungsbefragung im Auftrag der Asklepios Gruppe liefert eine klare Antwort: das Behandlungsergebnis. 90 Prozent wünschen sich transparente Daten zu Heilungsraten und Komplikationen, für 88 Prozent ist gute Behandlungsqualität wichtiger als moderne Ausstattung. 79 Prozent würden ein weiter entferntes Krankenhaus wählen, wenn dort die Erfolgsquoten höher sind.

Gleichzeitig sprechen sich 87 Prozent für den Erhalt kleiner Kliniken aus, 84 Prozent wünschen sich deren digitale Vernetzung mit Spezialzentren. 80 Prozent haben den Eindruck, dass formale Vorgaben häufig stärker gewichtet werden als tatsächliche Heilungserfolge. Der Report verweist deshalb auf die Bedeutung von patientenberichteten Qualitätsmessungen (PROM und PREM), die die Behandlungsqualität aus Sicht der Betroffenen erfassen.

🔗 Quelle: Asklepios Trendreport 2026

2 📌 Sprunggelenkbruch: Nicht immer operieren, nicht immer schonen

Mit ungefähr 74 Fällen pro 100.000 Einwohner jährlich gehören Sprunggelenkfrakturen zu den häufigsten Knochenbrüchen im Erwachsenenalter. Eine aktuelle Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt zeigt: Stabile Brüche können häufig ohne Operation behandelt werden und eine sechswöchige Ruhigstellung nach einer Operation sind nicht immer nötig. Eine frühe, schmerzadaptierte Vollbelastung führte an drei deutschen Universitätskliniken zu besseren funktionellen Ergebnissen, ohne die Komplikationsrate zu erhöhen.

„Wir behandeln heute nicht mehr jeden Sprunggelenkbruch nach demselben Schema", sagt D.A.F.-Präsident Prof. Dr. Stefan Rammelt, Senior-Autor der Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt. „Entscheidend ist, wie stabil die Verletzung ist und welches individuelle Risiko die Person mitbringt.“ . Auch die klassische Nachbehandlung wird in Frage gestellt. Sechs Wochen Ruhigstellung und Ent- oder Teilbelastung waren lange Standard. Aktuelle Studien zeigen jedoch: Eine frühe Belastung kann zu besseren funktionellen Ergebnissen führen, ohne die Komplikationsrate zu erhöhen. Die neue S3-Leitlinie „Evidenzbasierte Diagnostik und Therapie von Sprunggelenkfrakturen EviDenTS” soll die Erkenntnisse bis Ende 2027 in verbindliche Empfehlungen übersetzen.

🔗 Quelle: Zur Pressemeldung der Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie e. V.

🔗 Zum Artikel im Ärzteblatt

Zur Originalpublikation: Baumbach SF, Polzer H, Ochman S, Mittlmeier T, Rammelt S: The diagnosis, treatment, and aftercare of ankle fractures. Deutsches Ärzteblatt International 2026; 123: 405–12.
Leitlinienvorhaben: AWMF-Register 187-010

3 📌 Nach der Narkose: Weibliche Gehirne erholen sich anders

Während einer Ketamin-Narkose verstummen die Nervenzellen, beim Erwachen vernetzen sie sich neu. Forschende des Institute of Science and Technology Austria (ISTA) um Prof. Sandra Siegert und Alessandro Venturino und und Forschende vom Allen Institute in Seattle, USA haben nun gezeigt, dass dabei Immunzellen des Gehirns, die Mikroglia, eine entscheidende Rolle spielen, allerdings nur bei weiblichen Mäusen. Dort bauten die Mikroglia beim Aufwachen längere Kontakte zu den Neuronen auf, gleichzeitig setzte ein synaptischer Umbau ein. Bei männlichen Tieren war das nicht zu beobachten.

Auslöser ist offenbar das Stresshormon Corticosteron, das bei den Weibchen in den Mikroglia das Stressreaktions-Gen Fkbp5 aktiviert. Ob das männliche Gehirn einen ähnlichen, nur verzögerten Mechanismus nutzt, ist noch offen. Ein weiterer Beleg dafür, dass Geschlechterunterschiede in der Medizin mehr Aufmerksamkeit verdienen.

🔗 Quelle: healthcare-in-europe.com

Zur Originalpublikation: Science Advances, DOI 10.1126/sciadv.adz6517

4 📌 Multiple Sklerose: Wirkstoff macht Lähmungen rückgängig

Multiple Sklerose lässt sich bislang nicht heilen, Medikamente bremsen lediglich den Verlauf. Forschende der University of Virginia um den Augenheilkundler Jayakrishna Ambati berichten nun von einem Wirkstoff, der im Mausmodell nicht nur die Nervenschädigung stoppte, sondern bereits eingetretene Lähmungen und Sehverluste teilweise wieder zurückgehen ließ. Kamuvudine-9 (K-9) ist ein Abkömmling von HIV-Medikamenten, die ein Enzym des Virus hemmen, und blockiert offenbar Entzündungsprozesse. K-9 schützte die Myelinscheiden, der Nervenschadensmarker Neurofilament-Leichtketten (NfL) blieb stabil.

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Was sind Myelinscheiden? Das ist die schützende Fettschicht, die unsere Nervenfasern (wie die Isolierung um ein Stromkabel) umgibt. Sie sorgt dafür, dass Signale schnell im Körper weitergeleitet werden. Bei Krankheiten wie Multipler Sklerose greift das Immunsystem diese Isolierung an. Der Wirkstoff „K-9“ konnte diesen Abbau im Versuch verhindern. Die Nerven blieben geschützt.

Eine Auswertung von Versicherungsdaten von mehr als drei Millionen Menschen ergab zudem, dass verwandte HIV-Medikamente mit einem um 41 Prozent geringeren MS-Risiko verbunden waren. Ob K-9 auch Menschen hilft, müssen klinische Studien zeigen.

🔗 Quelle: UVA Research News, 23.09.2026

Zur Originalpublikation: Ambati J et al., Science Translational Medicine (2026)

5 📌 Zweitmeinung jetzt auch beim Linksherzkatheter

Deutschland führt überdurchschnittlich viele Linksherz-Katheteruntersuchungen durch. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat deshalb beschlossen, dass gesetzlich Versicherte mit chronischer koronarer Herzkrankheit künftig eine ärztliche Zweitmeinung einholen können, bevor dieser planbare Eingriff erfolgt, voraussichtlich ab dem 1. April 2027. Als Zweitmeiner kommen Fachärztinnen und Fachärzte für Innere Medizin und Kardiologie oder für Herzchirurgie in Frage. Zugleich weitet der G-BA den Kreis der Zweitmeiner aus: Auch angestellte Fachärztinnen und Fachärzte einer Weiterbildungsstätte dürfen künftig Zweitmeinungen abgeben. Was das für die Praxis bedeutet, greifen wir in unserer neuen Serie zur Zweitmeinung im MINQ Expertenkompass auf, die nächste Woche startet.

🔗 Quelle: Pressemitteilung des G-BA vom 20.08.2026

PLUS …

📌 Psychische Gesundheit im Spitzensport: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) mahnt in einem neuen Konsensus-Papier an, Spitzensportlerinnen und -sportler routinemäßig auf ihre psychische Gesundheit zu untersuchen, zu festgelegten Zeitpunkten und nach einschneidenden Ereignissen.

🔗 Quelle: Deutsches Ärzteblatt

👉 Zur Originalpublikation: British Journal of Sports Medicine, DOI 10.1136/bjsports-2025-111514

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📌 Mikrowellenablation von Lebertumoren: Prof. Dr. Philipp Paprottka, Leiter der Interventionellen Radiologie am TUM Universitätsklinikum Rechts der Isar, zeigt, wie Bildgebung und Therapie etwa bei der Leberablation zusammenwirken. Geeignete Eingriffe können ambulant erfolgen, Patientinnen und Patienten sind oft nach wenigen Stunden wieder zu Hause. Paprottka fordert mehr Sichtbarkeit für die Interventionelle Radiologie als gleichberechtigte Option im onkologischen Gesamtkonzept. Danke an die DeGIR-Geschäftsstelle für den Hinweis.

„Wir müssen den Bekanntheitsgrad der Interventionellen Radiologie erhöhen.“ Denn die Interventionelle Radiologie ermöglicht inzwischen Eingriffe mit Nadel und Katheter, „die äquivalent zu einem chirurgischen Prozedere gesehen werden.“
Prof. Dr. Philipp Paprottka

🔗 Quelle: Siemens Healthineers

💬 Über unseren Tellerrand

1 🌪️ ExtremWetterKongress 2026: Vom Wissen zur Umsetzung

In Hamburg ist der 16. ExtremWetterKongress zu Ende gegangen. Gastgeber war die HafenCity Universität, die Schirmherrschaft hatte Bundesumweltminister Carsten Schneider übernommen. Erstmals schloss sich am selben Ort die Deutsche KlimaManagementTagung mit über 40 Workshops an, um wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Umsetzung enger zu verbinden. Wer nicht dabei war: Mitschnitte der Vorträge und Pressekonferenzen stehen auf der Kongressseite bereit. Der nächste EWK ist für den 22. und 23. September 2027 angekündigt.

🔗 Weiterlesen auf den Seiten des ExtremWetterKongresses

2 🤖 Die Maschinen sprechen längst eine Sprache, die wir nicht mehr verstehen

Bremsen oder Gas geben? Die Debatte um das Tempo der KI-Entwicklung hat die Tech-Branche erreicht und wird politisch. Ein lesenswerter LinkedIn-Beitrag von Harald Mandl ordnet die Positionen von Anthropic-Chef Dario Amodei, Meta-Chef Mark Zuckerberg und der US-Regierung ein, unter dem Titel „Amodei bremst, Zuckerberg gibt Gas, Trump pfeift auf beides – und die Maschinen sprechen längst eine Sprache, die wir nicht mehr verstehen".

🔗 Zum Beitrag auf LinkedIn

🤕 IchalsPatient:in

1️⃣ 👵 Japan zählt erstmals mehr als 100.000 Hundertjährige

Japan hat als erstes Land der Welt die Marke von 100.000 Hundertjährigen überschritten: 107.677 Menschen im Land sind mindestens 100 Jahre alt. Forschende führen die hohe Lebenserwartung unter anderem auf niedrige Adipositasraten, gesunde Ernährung, verbreitete Vorsorgeuntersuchungen und bezahlbare Gesundheitsversorgung zurück, die zu weniger Todesfällen durch Herzkrankheiten und Krebs führen.

Doch ein langes Leben allein sei nicht das Ziel, betont der Epidemiologe Jay Olshansky von der University of Illinois Chicago: Einfach nur länger zu leben, dürfe nicht mehr das vorrangige Ziel von Medizin und Public Health sein, sondern die Verlängerung der gesunden Lebensspanne. Es geht also um gesunde Lebensjahre, nicht nur um Lebensjahre.

🔗 Quelle: Scientific American, 16.09.2026

📣 Ankündigungen

1️⃣ 🌿 Bayerischer Präventionstag: Vorsorge zum Mitmachen

Wie bleibt man möglichst lange gesund? Der Bayerische Präventionstag des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit, Pflege und Prävention wendet sich an die breite Bevölkerung. Mehr als 70 Heilbäder, Kurorte und Kurbetriebe unter der Marke Gesundes Bayern beteiligen sich mit Haut- und Augenscreenings, Puls- und Blutdruckmessungen, Vorträgen etwa zu Frauengesundheit und Sporternährung sowie Mitmachangeboten von Kneipp-Anwendungen bis After-Work-Yoga.

👉 Veranstaltungsübersicht des Bayerischen Gesundheitsministeriums

📅 Wann: Montag, 12. Oktober 2026

📍 Wo: bayernweit, u. a. in mehr als 70 Heilbädern, Kurorten und Kurbetrieben