🗞 43/2026
Diabetes: Auch Zähne und Implantate sind gefährdet · Verjüngung: aus alten Blutzellen entstehen junge neurale Stammzellen · Körpereigene Proteine lösen fehlgeleitete Immunreaktion aus · Guter Schlaf ist Prävention · Muskelschwund bei Krebs wird unterschätzt · Klimawandel verändert den Weizen
📌 5 weekly picks
1 📌 Diabetes: Auch Zähne und Implantate sind gefährdet
Diabetes betrifft nicht nur Gefäße, Augen oder Nieren. Eine Analyse von Anna Trullenque Eriksson an der Universität Göteborg zeigt anhand umfangreicher Registerdaten Zusammenhänge mit Parodontitis, Zahnverlust sowie Entzündungen und Verlusten an Zahnimplantaten. In den Analysen zu Zahnverlust wurden 86.273 Menschen mit Typ-1- und 786.305 mit Typ-2-Diabetes untersucht. Innerhalb von zehn Jahren verloren 33,9 Prozent der Menschen mit Typ 1 mindestens einen Zahn, gegenüber 29,0 Prozent der Vergleichspersonen ohne Diabetes. Bei Typ 2 waren es 46,1 gegenüber 37,8 Prozent.
Die Blutzuckereinstellung machte einen wichtigen Unterschied: Bei dauerhaft guter Einstellung zeigte sich für Typ 1 kein erhöhtes Risiko für Parodontitis und Zahnverlust gegenüber den Kontrollen; bei Typ 2 blieb der Zusammenhang allerdings auch bei guter Einstellung bestehen. Die Registerauswertungen unterstreichen, dass eine engere Zusammenarbeit von Diabetesversorgung und Zahnmedizin wichtig ist: “Unsere Daten unterstützen die Vorstellung, dass die Zahnpflege Teil von Diabetes-Präventionsstrategien sein sollte ", sagt die Wissenschaftlerin.
🔗 Quelle: Universität Göteborg
🔗 Originalarbeit: Periodontal research using nationwide registry data
2 📌 Aus alten Blutzellen werden junge neurale Stammzellen
Forschende um Prof. Dr. Oliver Brüstle am Institut für Rekonstruktive Neurobiologie in Bonn haben Vorläufer roter Blutkörperchen direkt in neurale Stammzellen umprogrammiert. Dabei wurden epigenetische Uhren deutlich zurückgestellt: Zellen eines Achtzigjährigen erreichten beispielsweise ein molekulares Alter von unter 20 Jahren. Aus den Stammzellen lassen sich anschließend Nervenzellen gewinnen.
Das Besondere ist nicht allein die Verjüngung, sondern ihr Tempo: Ohne den Umweg über pluripotente Stammzellen ließ sich der Prozess über mehr als 100 Tage verfolgen. Das eröffnet ein experimentelles Fenster, um beteiligte Mechanismen und mögliche Wirkstoffe zu untersuchen.
„Eine Entalterung, die sich über einen so langen Zeitraum erstreckt, eignet sich ideal als experimentelles Modell: Da die epigenetischen Uhren langsam über mehrere Wochen zurückgestellt werden, können wir mit diesem Modell untersuchen, welche Faktoren und Wirkstoffe den Verjüngungsprozess beschleunigen oder verlangsamen.“, so Brüstle in seiner Mitteilung.
🔗 Quelle: Pressemitteilung der Universität Bonn
Berg, L. J., Franzen, J., Buness, A., Konang, R., Sheng, C., Peitz, M., Till, A., Wagner, W., & Brüstle, O. (2026). Protracted Fate Acquisition and Epigenetic De‐Aging During Induced Neural Stem Cell Conversion of Human Blood Cells. Aging Cell, 25(10), e70751. https://doi.org/10.1111/acel.70751, URL: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/acel.70751
3 📌 COPD: Wenn die Abwehr das eigene Lungengewebe angreift
Die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) gehört weltweit zu den häufigsten Ursachen für Krankheit und vorzeitigen Tod. Die verfügbaren Therapien können Beschwerden lindern und Exazerbationen (akute oder schleichende Verschlimmerung der Symptome) reduzieren, stoppen jedoch bislang nicht die fortschreitende Zerstörung des Lungengewebes. Selbst nach einem Rauchstopp kann die Erkrankung weiter voranschreiten. Warum das so ist, ist noch nicht vollständig verstanden.
Das deutsch-serbische Projekt AIMCOPD untersucht eine mögliche Erklärung: Chemisch veränderte körpereigene Proteine könnten eine fehlgeleitete Immunreaktion auslösen und aufrechterhalten. Im Mittelpunkt steht die Nitrierung von Proteinen, die unter dem chemischen Stress durch Zigarettenrauch oder Luftschadstoffe entstehen kann.
Dr. Stefan Hadzic vom Cardio-Pulmonary Institute in Gießen und Dr. Dragica Micanovic vom IBISS in Belgrad wollen krankheitsrelevante Proteinveränderungen und Autoantikörper identifizieren. Geplant sind ein Proteomatlas, eine serbische Patientenkohorte und Untersuchungen in präklinischen und Ex-vivo-Modellen. Perspektivisch sollen gezielte Antikörper die fehlgeleitete Abwehr bremsen, ohne das Immunsystem insgesamt zu unterdrücken.
„AIMCOPD“ wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert. Das Projekt läuft vom 1. Oktober 2026 bis zum 30. September 2029.
🔗 Quelle: Zur Pressemitteilung des DZL
4 📌 Guter Schlaf ist Prävention
Wer Schlaf zugunsten der Arbeit kürzt, gewinnt nicht automatisch Leistungsfähigkeit. Im Interview vor der DGSM-Jahrestagung betonen PD Dr. Caroline Mann und Dr. Hans-Günter Weeß die Folgen von Schlafmangel für Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Kreativität und Entscheidungen. Für die Medizin betrifft das auch die Sicherheit der Patientenversorgung. Zugleich können Erkrankungen wie chronisch-entzündliche Hautleiden durch Juckreiz den Schlaf stören – und schlechter Schlaf die Belastung weiter verstärken.
“Unsere Gesellschaft steht zu früh auf und schätzt den Schlaf noch immer
viel zu wenig. Es gilt noch immer das Motto: 'Der frühe Vogel fängt den Wurm', aber es ist oft 'der Wurm drin', wenn wir zu wenig Schlaf haben.” Dr. Hans-Günter Weeß
Die beiden Tagungspräsidenten plädieren dafür, Schlaf ebenso präventiv zu betrachten wie Ernährung und Bewegung. Arbeitszeiten und Schichtpläne sollten, wo möglich, den individuellen Schlaf-Wach-Rhythmus berücksichtigen.
“Schlaf lässt sich nicht beliebig optimieren oder einsparen, ohne dass der Körper und auch die Leistungsfähigkeit irgendwann die Rechnung dafür präsentieren.” PD Dr. Caroline Mann
Auch therapeutisch verändert sich das Fach: Bei Insomnien stehen kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren im Vordergrund; digitale Anwendungen können den Zugang erleichtern. Das Interview bündelt fachliche Einschätzungen und ist keine neue Interventionsstudie.
Die 34. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin findet vom 5.-7. November 2026 in der Messehalle in Wiesbaden statt.
🔗 Quelle: Zum Interview
🔗 Vertiefung: Somnofunk, Episode 18 zur Jahrestagung
5 📌 Muskelschwund bei Krebs wird unterschätzt
Kachexie gehört zu den schweren Formen von Muskelschwund beim Menschen. Sie betrifft bis zu 80 Prozent der Krebspatientinnen und -patienten. Verantwortlich sind Krebszytokine, also entzündungsfördernde Botenstoffe, welche die Tumorzellen selbst aussenden. Je nach Krebsart ist durch Krebs induzierte Kachexie (Cancer-Induced Cachexia, CIC) für 30 bis 50 Prozent aller krebsbedingten Todesfälle weltweit verantwortlich und wird daher auch als die „letzte Krankheit“ bezeichnet. Eine heilende Therapie gibt es nicht.
Ein Team um PD Dr. Arnab Nayak an der Medizinischen Hochschule Hannover hat einen Mechanismus untersucht, der zur krebsbedingten Kachexie beitragen kann.
„Die Forschung konzentriert sich meist auf die Primärerkrankung Krebs, während die Bedeutung der Sekundärerkrankung CIC unterschätzt wird“, sagt Nayak. „Dabei verursacht der erhebliche Verlust an Muskelmasse eine Fehlregulation der Stoffwechselprozesse des gesamten Körpers und führt daher oft noch vor der eigentlichen Tumorerkrankung zum Tod.“
Aktuelle Therapien zielen eher auf die Linderung der Symptome ab. So wird mit Nahrungsergänzungsmitteln sowie über Ausdauer- und Kraftübungen versucht, den Muskelschwund zu stoppen. Der Molekularbiologe setzt dagegen auf die Ursachen der Kachexie und nimmt den sogenannten SUMO (small ubiquitin-like modifier)-Signalweg in den Blick.
Weitere Informationen zur Arbeitsgruppe Nayak „Chromatin und SUMO-Physiologie“ finden Sie unter: https://www.mhh.de/mzp-group-nayak
🔗 Quelle: MHH-Mitteilung
🔗 Originalpublikation: Cell Death Discovery, DOI 10.1038/s41420-026-03337-y
💬 Über unseren Tellerrand
1 🌾 Wie der Klimawandel den Weizen verändert
Mehr CO₂ verändert die Proteinzusammensetzung von Weizen. Je nach Sorte können höhere Kohlenstoffdioxid-(CO₂)-Konzentrationen in der Atmosphäre die Proteinzusammensetzung von Weizen deutlich verändern. Dies wirkt sich nicht nur auf die Backqualität aus, sondern möglicherweise auch auf die Verträglichkeit von Weizenprodukten. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie unter Federführung des Leibniz-Instituts für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München. Laut Studie sollte die Anpassung von Kulturpflanzen an den Klimawandel künftig nicht nur auf hohe Erträge ausgerichtet sein, sondern auch auf Qualitätsmerkmale wie die Proteinzusammensetzung.
Ein Team unter Federführung des Leibniz-Instituts kultivierte zehn Winterweizensorten im Freiland, teils unter heutigen Bedingungen, teils bei erhöhtem CO₂. Anschließend analysierte es die Proteinzusammensetzung. Unter erhöhtem CO₂ nahmen Glutenproteine und bestimmte potenziell Zöliakie-aktive Peptide ab, Amylase/Trypsin-Inhibitoren dagegen zu. Weniger Gluten ging mit schlechterer Backqualität einher. Wie stark die Veränderungen ausfielen, hing von der Sorte ab. Studienleiterin Dr. Sabrina Geißlitz und Prof. Katharina Scherf betonen deshalb, dass Pflanzenzüchtung nicht allein auf Ertrag schauen sollte. Die Studienergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, Weizensorten zu identifizieren und zu züchten, die auch unter steigenden CO₂-Konzentrationen eine hohe Backqualität bewahren und zugleich möglichst geringe Mengen potenziell unverträglicher Proteine enthalten.
🔗 Quelle: PM des Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie
🔗 Originalpublikation: Geisslitz S et al., Food Chemistry, DOI 10.1016/j.foodchem.2026.151161
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1️⃣ 👨⚕️👩⚕️ Ärzteersatz? Immer mehr Versorgungsassistent:innen übernehmen Hausbesuche
Mehr als ein Drittel der Hausarztpraxen setzt bereits auf Nicht-ärztliche Praxisassistenzen (NäPA) oder Versorgungsassistenzen in der Hausarztpraxis (VERAH). Das zeigt eine WIdO-Auswertung von AOK-Abrechnungsdaten aus den Jahren 2015 bis 2024. Die Zahl entsprechender Praxen stieg von rund 7.000 auf über 11.000, während die Gesamtzahl der Praxen zurückging. Auf dem Land lag der Anteil bei 47 Prozent, in Städten bei 27 Prozent.
Besonders wird der Beitrag bei Hausbesuchen sichtbar: 84 Prozent der NäPA-/VERAH-Praxen boten Besuche durch qualifizierte Gesundheitsfachberufe an, gegenüber 36 Prozent der übrigen Praxen.
🔗 Quelle: WIdO
🔗 Originalanalyse: Interprofessionelle Teams in der hausärztlichen Versorgung, DOI 10.4126/FRL01-006529726
2️⃣ Vier Länder fordern verbindliche Primärversorgung
Die Gesundheitsminister aus Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen drängen in einem gemeinsamen Schreiben auf die gesetzlichen Voraussetzungen für ein Primärversorgungssystem. Nach dem Bericht des Deutschen Ärzteblatts sollen Patientinnen und Patienten verbindlich einer selbst gewählten Primärversorgungspraxis zugeordnet werden; digitale und telemedizinische Instrumente sollen die Einschätzung des Versorgungsbedarfs unterstützen.
Die Forderungen gehen über die Patientensteuerung hinaus: Qualifizierte Pflege- und Gesundheitsfachberufe sollen erweiterte Aufgaben übernehmen können. Dafür verlangen die Länder klare Zuständigkeitsgrenzen, passende Vergütungsmodelle und einheitliche Qualifizierungsstandards. Das knüpft an die obige WIdO-Bestandsaufnahme an: Teamversorgung existiert bereits, wird regional aber sehr unterschiedlich genutzt.
🔗 Quelle: Bericht im Deutschen Ärzteblatt
📣 Ankündigungen
1️⃣ DGSM-Jahrestagung: Schlaf, Gesundheit und Arbeitswelt
Die 34. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin verbindet klinische Schlafmedizin mit Fragen zu Produktivität, Prävention und interdisziplinärer Zusammenarbeit. PD Dr. Caroline Mann und Dr. Hans-Günter Weeß leiten die Tagung. Themen sind unter anderem Insomnien, schlafbezogene Atmungsstörungen, Chronobiologie und Künstliche Intelligenz.
📅 Wann: November 5, 2026 → November 7, 2026
📍 Wo: Wiesbaden
🔗 Kongressinformationen und Programm
🤕 IchalsPatient:in
1️⃣ Krebsprävention: 🫣 das persönliche Krebsrisiko wird häufig unterschätzt
In der Bevölkerung wird das persönliche Krebsrisiko häufig unterschätzt – gleichzeitig bestehen Wissenslücken über Krebsursachen und Krebsrisikofaktoren. Nur zwölf Prozent der Befragten einer repräsentativen DKFZ-Erhebung schätzen ihr persönliches Krebsrisiko als eher hoch oder sehr hoch ein, dabei erhält tatsächlich fast jeder Zweite in Deutschland im Laufe seines Lebens eine Krebsdiagnose.
Auch bei der Beurteilung des eigenen Lebensstils zeigt sich eine Diskrepanz: Zwei Drittel der Befragten bewerten ihre Lebensweise als gesund oder sehr gesund, gleichzeitig berichtet aber ein erheblicher Anteil von Bewegungsmangel, Übergewicht, regelmäßigem Alkoholkonsum oder Tabakkonsum. Befragt wurden 1.581 Menschen ab 16 Jahren.
„Information ist wichtig, aber nicht ausreichend, um Verhaltensänderungen zu bewirken. ****Viele Menschen fühlen sich gut informiert und halten ihre Lebensweise für gesund – gleichzeitig unterschätzen sie offenbar Risiken in ihrem Lebensstil. Für wirksame Prävention reicht es deshalb vermutlich nicht, allgemeines Wissen zu vermitteln. Entscheidend ist, den Bezug zum eigenen Risiko und zum eigenen Verhalten herzustellen“, sagt Ursula Will, Autorin der Studie.
Eine zweite Untersuchung, die CLARO-Studie mit 1.232 Befragten aus Stuttgart, zeigt ergänzend Wissenslücken und Unsicherheit durch widersprüchliche Informationen. Jede zweite befragte Person zeigte sich durch die Vielzahl an teils widersprüchlichen Informationen und Empfehlungen zur Krebsvorbeugung verunsichert. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine solche wahrgenommene Informationsüberforderung mit einer geringeren Kenntnis tatsächlicher Krebsrisikofaktoren einhergeht.
“Beide Befragungen zeigen übereinstimmend: Zwischen dem Gefühl, gut informiert zu sein, dem Wissen über konkrete Krebsrisiken und der Einschätzung des eigenen Risikos bestehen oft Diskrepanzen. Umso wichtiger ist es, dass Menschen einfach erkennen können, ob Informationen wissenschaftlich belegt, vertrauenswürdig und für die eigenen Lebensrealität relevant sind.” (dkfz)
🔗 Quelle: DKFZ
🔗 Originalpublikationen: Gaisser A, Will U, Forum, DOI 10.1007/s12312-026-01616-4 · Illmann M et al., Frontiers in Public Health, DOI 10.3389/fpubh.2026.1868556
🧭 MINQ Expertenkompass · Serie Zweitmeinung (3/5)
Was eine Zweitmeinung wirklich beschleunigt – und was sie unnötig verzögert
Der Ausgangspunkt
Wenn eine Patientin oder ein Patient eine Zweitmeinung einholen möchte, entscheidet in der Praxis oft nicht die medizinische Qualität, sondern die Organisation darüber, wie schnell und reibungslos das Verfahren läuft. Die Zweitmeinungsrichtlinie des G-BA legt dazu klare, aber auch bewusst offene Vorgaben fest – und genau diese Lücken führen in der Praxis am häufigsten zu Verzögerungen.
Was rechtlich vorgegeben ist
Indikationsstellende Ärzte oder Ärztinnen müssen die Patientin oder den Patienten mündlich und verständlich über das Recht auf eine unabhängige Zweitmeinung aufklären – in der Regel mindestens 10 Tage vor dem geplanten Eingriff, in jedem Fall so rechtzeitig, dass eine wohlüberlegte Entscheidung möglich ist. Dazu gehören konkret:
- Hinweis auf das Patientenmerkblatt des G-BA zum Zweitmeinungsverfahren, das auch in Textform zur Verfügung gestellt werden soll.
- Hinweis auf die Informationsangebote zu geeigneten Zweitmeinern.
- Klarer Hinweis, dass die Zweitmeinung nicht bei dem Arzt oder der Einrichtung eingeholt werden kann, die den Eingriff selbst durchführen soll.
- Hinweis auf das Recht, Abschriften der eigenen Befundunterlagen nach § 630g Abs. 2 BGB zu erhalten, soweit sie für die Zweitmeinung erforderlich sind – auf Wunsch müssen diese ausgehändigt werden.
Die Kosten für Zusammenstellung und Überlassung dieser Unterlagen trägt die Krankenkasse, nicht die Patientin oder der Patient. Eine ausdrückliche Pflicht, diese Aufklärung oder Unterlagenübergabe zu dokumentieren, enthält der Richtlinientext nicht – aus ärztlicher Sicht, Eigeninteresse und Beweisgründen lohnt sich eine kurze Notiz in der Akte trotzdem.
Wo die eigentlichen Verzögerungen entstehen
Die Richtlinie nennt keine Frist, innerhalb derer der Zweitmeiner die Einschätzung abgeben muss, keine Frist für die Vorlage der Unterlagen und keinen abschließenden Katalog, welche Befunde konkret vorzulegen sind. Der Zweitmeiner berücksichtigt die Vorbefunde, die ihm die Patientin oder der Patient zur Verfügung stellt – fehlen relevante Untersuchungen, muss er das mitteilen, was in der Praxis eine zweite Terminschleife bedeutet. Wer die Unterlagen von Anfang an vollständig übergibt, verhindert genau diese Schleife.
Was die Patientin oder der Patient vom Arzt mitgegeben werden sollte
- Vollständige aktuelle Befunde zur Indikationsstellung: Anamnese, körperlicher Befund, relevante Laborwerte.
- Bildgebung im Original bzw. auf Datenträger oder elektronisch übermittelbar – nicht nur der schriftliche Befund, sondern die Aufnahmen selbst.
- Histologie- bzw. Pathologiebefunde
- Vorbehandlungen und bisherige Therapieversuche mit Datum und Ergebnis, nicht nur die aktuelle Empfehlung.
- Aktuelle Medikation, insbesondere bei Eingriffen mit periinterventioneller Relevanz (z. B. Antikoagulation vor Herzkatheter oder Wirbelsäuleneingriff).
- Eine schriftliche Begründung der Indikationsstellung – das beschleunigt die fachliche Einordnung erheblich.
🔗 Zweitmeinungsmerkblatt des G-BA
🔗 Richtlinie zum Zweitmeinungsverfahren (Zm-RL)
Nächste Folge: Wann sich eine Zweitmeinung zeitlich und für den weiteren Behandlungsverlauf wirklich lohnt – und wann sie eher zur reinen Verzögerung wird.
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