🗞 24/2026
Können CAR-T-Zellen auch bei Herzerkrankungen helfen? · Leitlinie für Infektionen bei Knochenbrüchen · Welche Rolle spielen Gene bei unserer Persönlichkeit · Psychische Erkrankungen verursachen hohe Fehlzeiten · Läßt sich braunes Fett gezielt aktivieren?
📌 5 weekly picks
1 📌 CAR-T-Zellen fürs Herz: Schützen statt zerstören
CAR-T-Zellen sind körpereigene weiße Blutkörperchen (T-Lymphozyten), die im Labor gentechnisch so verändert wurden, dass sie gezielt Krebszellen erkennen und zerstören können. CAR-T-Zellen gelten als Meilenstein bei der Behandlung von Krebs, nun soll das Prinzip erstmals konsequent auch auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen übertragen werden. Ein internationales Konsortium unter Leitung des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) entwickelt im EU-Projekt CARDIO regulatorische CAR-T-Zellen, sogenannte CAR-Tregs. Sie sollen gezielt in geschädigtes Herzgewebe einwandern und dort überschießende Entzündungsreaktionen nach einem Herzinfarkt dämpfen. „Unsere CAR-T-Zellen sollen nicht töten, sondern schützen“, sagt Koordinator Prof. Dr. Maik Luu, Juniorprofessor für Translationale Medizin am Lehrstuhl für Zelluläre Immuntherapie. Als Zielstruktur dient das Herzprotein Myosin, das nach einem Infarkt aus zerstörten Herzmuskelzellen freigesetzt wird.
Ein zweiter Ansatz der Forschenden richtet sich gegen chronische Entzündungen in atherosklerotischen Plaques und könnte damit langfristig Herzinfarkten vorbeugen. Partner hier sind unter anderem das CNIC in Madrid und das CeMM in Wien. Horizon Europe fördert CARDIO mit rund sieben Millionen Euro, davon fließen etwa 2,8 Millionen Euro nach Würzburg.
🔗 Quelle: Pressemitteilung des UKW
🔗 Quelle: Horizon Europe
2 📌 Wenn der Knochenbruch nicht heilt: erste Leitlinie zu frakturassoziierten Infektionen
Infektionen nach operativ versorgten Knochenbrüchen gehören zu den schwerwiegendsten Komplikationen in Orthopädie und Unfallchirurgie. Bei offenen Frakturen können bis zu 35 Prozent der Betroffenen eine solche Infektion entwickeln, nach geschlossenen Brüchen liegt das Risiko bei etwa ein bis zwei Prozent. Erstmals bündelt nun eine deutsche Leitlinie die Empfehlungen zu Vorbeugung, Diagnostik und Therapie: die S2k-Leitlinie Frakturassoziierte Infektionen nach Osteosynthese (AWMF 187-047), erarbeitet unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU).
Das Tückische: Eine Infektion zeigt sich nicht immer durch Rötung, Fieber oder Eiter, sondern manchmal nur dadurch, dass der Knochen nicht heilt. Bis zu einem Drittel der Pseudarthrosen kann infektionsbedingt sein. Die Leitlinie empfiehlt deshalb, bei ausbleibender Knochenheilung immer auch an eine Infektion zu denken. Für die Erregerbestimmung sollen mehrere Gewebeproben aus tiefen Schichten entnommen werden, ein einfacher Wundabstrich reicht nicht aus. „Je früher wir sie erkennen, desto gezielter können wir behandeln“, sagt Prof. Dr. Dr. Volker Alt vom Universitätsklinikum Regensburg, federführender Autor der Leitlinie. Vorgestellt wird sie auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie DKOU 2026 am 21. Oktober in Berlin.
👉 Vortrag: Die neue S2k-Leitlinie “Frakturassoziierte Infektionen nach Osteosynthese”
🔗 Quelle: Pressemitteilung der DGOU
🔗 Zur Leitlinie: S2k-Leitlinie im AWMF-Register, gültig bis 01.02.2031
3 📌 Persönlichkeit: über 1.000 Spuren im Erbgut
Ob wir eher gesellig oder zurückhaltend, ordentlich oder chaotisch sind, liegt zum Teil in unseren Genen. Ein internationales Forschungsteam hat dafür Daten aus 46 Studien mit je nach Merkmal 611.000 bis 1,14 Millionen Menschen ausgewertet und die Big Five der Persönlichkeit untersucht:
- Extraversion (wie offen und gesellig jemand ist)
- Verträglichkeit (wie freundlich und rücksichtsvoll)
- Gewissenhaftigkeit (wie ordentlich und zuverlässig)
- Neurotizismus (wie ängstlich oder ausgeglichen) und
- Offenheit für Erfahrungen (wie neugierig und fantasievoll).
Gefunden wurden 1.260 Stellen im Erbgut, die mit Persönlichkeit zusammenhängen, 824 davon waren bisher unbekannt. Mit Daten der Dortmund Vital Study beteiligt war auch das Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) mit der Forschungsgruppe von Prof. Dr. Erhan Genç.
Wichtig für die Einordnung: Die Gene erklären je nach Merkmal gerade einmal 4,8 bis 9,3 Prozent der Unterschiede zwischen Menschen, der Rest hängt von Umwelt, Erziehung und Erfahrungen ab. Aufschlussreich sind die Zusammenhänge mit der Gesundheit: Eine genetische Veranlagung zu mehr Gewissenhaftigkeit ging im Schnitt mit niedrigerem BMI und seltenerem Rauchen einher, Neurotizismus mit weniger gesundem Altern.
🔗 Quelle: Pressemitteilung des IfADo
Zur Originalpublikation: Schwaba T et al., Nature 2026, DOI 10.1038/s41586-026-10992-9
4 📌 Fehlzeiten-Report 2026: Psychische Erkrankungen fallen besonders ins Gewicht
Die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen sind bei AOK-versicherten Beschäftigten in zehn Jahren um knapp 42 Prozent gestiegen: von 284 Arbeitsunfähigkeitstagen je 100 Mitglieder im Jahr 2016 auf 403 Tage im Jahr 2025. Das zeigt der Fehlzeiten-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) mit dem Schwerpunkt „Mentale Gesundheit in der Arbeitswelt stärken“. Zwar liegen psychische Erkrankungen mit 14,1 Fällen je 100 Mitglieder weit hinter den Atemwegserkrankungen (80,3 Fälle), sie dauern mit durchschnittlich 28,5 Tagen je Fall aber besonders lange, Atemwegserkrankungen hingegen nur 5,7 Tage. Bei Burnout-Diagnosen stiegen die Ausfalltage sogar um 77 Prozent.
Besonders betroffen sind Berufe im Dialogmarketing, in der Haus- und Familienpflege, der Altenpflege sowie der Arbeit mit Kindern. „In diesen Berufen wirken mehrere psychosoziale Belastungsfaktoren“, sagt Prof. Dr. Steffi Riedel-Heller , Leiterin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health der Universität Leipzig und Autorin im Report. Über alle Erkrankungen hinweg sind die Fehlzeiten zuletzt leicht rückläufig, liegen aber weiter deutlich über dem Niveau vor Einführung der elektronischen Krankschreibung.
🔗 Quelle: Pressemitteilung des WIdO
Zur Originalpublikation: Badura B et al. (Hg.), Fehlzeiten-Report 2026, Springer, DOI 10.1007/978-3-662-73665-4
5 📌 Braunes Fett: Kalorienverbrenner mit Hürden
Braunes Fettgewebe reagiert auf Kälte: Es verbraucht Energie, um Wärme zu erzeugen. Als natürlicher Kalorienverbrenner könnte es ein Schlüssel gegen Übergewicht sein. Erst 2009 wurde es auch bei Erwachsenen eindeutig nachgewiesen. Personen mit aktivem braunem Fett sind häufig schlanker und haben ein günstigeres Stoffwechselprofil. Seither sucht die Forschung nach Wegen, das braune Fettgewebe zu aktivieren, also seinen Energieverbrauch zu steigern, und dadurch Körpergewicht zu reduzieren. Warum es solche Ansätze auch im Zeitalter der Abnehmspritze braucht, erklärt Prof. Dr. Matthias Betz, Forschungsgruppenleiter am Departement Klinische Forschung der Universität Basel und Kaderarzt Endokrinologie-Diabetologie am Universitätsspital Basel: Mit Medikamenten lasse sich das Gewicht um 15 bis 20 Prozent senken, dann erreichen Betroffene oft ein Plateau, weil der Körper seinen Energieverbrauch herunterreguliert.
Sein Team prüfte bei elf Probandinnen und Probanden, ob der Wirkstoff Fenoterol über den Beta-2-Rezeptor braunes Fett ähnlich aktiviert wie Kälte. Das erstaunliche Ergebnis: Beides steigerte den Energieverbrauch, doch nur bei Kälte nahm das braune Fett im PET/CT deutlich mehr Glukose auf und wurde dadurch aktiviert. Bei Fenoterol war das nicht der Fall.
Woher der Mehrverbrauch unter Fenoterol stammt, ist noch offen, das Team vermutet etwa Lipid-Cycling. „Ein Anstieg des Energieverbrauchs bedeutet nicht automatisch, dass braunes Fett aktiviert wurde“, so Betz.
🔗 Quelle: Interview Prof. Matthias Betz der Universität Basel
Zur Originalpublikation: Füchtbauer LM et al., Cell Metabolism 2026, DOI 10.1016/j.cmet.2026.07.012
PLUS …
💬 Über unseren Tellerrand
1 🐝 Gemeinsam für mehr Biodiversität in Agrarlandschaften
In Agrarlandschaften gehen Arten vielerorts besonders stark zurück, und bestehende Agrarumweltmaßnahmen konnten den Trend bislang nicht umkehren, auch weil sie meist von einzelnen Betrieben ohne übergreifende Planung umgesetzt werden. Forschende der Universität Göttingen beschreiben in einem Positionspapier, welche Synergien eine landschaftsweite Zusammenarbeit mehrerer Betriebe ermöglichen kann: sechs mögliche Vorteile auf ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Ebene, etwa bessere Bestäubung und damit Erträge, gestärkte Beziehungen und geringere Kosten durch gemeinsame Verwaltung oder Saatgutbestellung.
„Anstatt sich auf die Gegensätze zwischen Landwirtschaft und Naturschutz zu konzentrieren, sollten wir Synergien nutzen“, sagt Erstautorin Dr. Annika Haß.
Die Autorinnen und Autoren betonen allerdings, dass viele der erwarteten Synergien zunächst nur Hypothesen für weitere Forschung sind.
🔗 Quelle: Pressemitteilung der Universität Göttingen
Zur Originalpublikation: Hass A et al., Conservation Biology 2026, DOI 10.1111/cobi.70376
2 🌍 „Wir müssen unsere Naturschutzziele neu definieren“
Der Klimawandel verändert weltweit, welche Tiere und Pflanzen gemeinsam in Ökosystemen leben. Was früher Jahrhunderte dauerte, geschieht heute binnen weniger Jahrzehnte: Artengemeinschaften lösen sich auf, neue, nie dagewesene entstehen. Diese ökologische Neuartigkeit werde zum prägenden Prinzip, so ein Review in Nature Climate Change, an dem Prof. Dr. Tina Heger vom Lehrstuhl für Renaturierungsökologie der TU München beteiligt ist. Renaturierung nach altem Muster drohe zur Sisyphos-Aufgabe zu werden.
Ökologische Neuartigkeit bezeichnet neue ökologische Bedingungen, Artenzusammensetzungen oder ganze Ökosysteme, die kein historisches Vorbild haben. Sie entsteht, wenn Arten auf Umweltveränderungen reagieren, sich Lebensgemeinschaften neu zusammensetzen oder sich Ökosysteme so stark verändern, dass sie nicht mehr in ihren ursprünglichen Zustand zurückgeführt werden können. Der Klimawandel ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Treiber dieser Entwicklung. Ökologische Neuartigkeit wirkt sich nicht zwangsläufig negativ oder positiv auf die Biodiversität aus. (Quelle: TUM)
Renaturierungs- und Naturschutzmaßnahmen streben meist danach, einen Zustand wiederherzustellen oder eine bedrohte Art in ihrem Lebensraum zu halten. Bei sich verändernden Standortbedingungen könnte dies zunehmend zur Sisyphos-Aufgabe werden, denn viele Lebensräume verändern sich so stark, dass heimische Arten dort nicht mehr die für sie passenden Bedingungen vorfinden.
„Wir blockieren damit möglicherweise sogar die Entstehung neuer funktionierender Ökosysteme“, so Heger. „Die Leitfrage sollte nicht mehr sein, wie ich einen Zustand aufrechterhalten kann, sondern wie ich einen Zustand fördern kann, der auch in 20, 50 oder 100 Jahren ein funktionierendes Ökosystem ermöglicht“.
„Zu sehen, wie sich die Welt verändert, ist mit Unsicherheiten und für viele Menschen auch mit einer gewissen Form von Trauer verbunden“, sagt Heger.
„Diese Veränderungen werden unser Leben zunehmend beeinflussen, deshalb sollten die sozialen Effekte des Klimawandels bewusst in Anpassungsstrategien einfließen, um diesen Wandel bestmöglich zu gestalten.“
🔗 Quelle: Pressemitteilung der TUM
Zur Originalpublikation: Wright C et al., Nature Climate Change 2026, DOI 10.1038/s41558-026-02697-8
📎 Vertiefung: Wie schnell sich das Klima gerade verändert, zeigt eine Kurve, die laut Wissenschaftsjournalist Christian Stöcker kaum jemand kennt: Am 6. Oktober lag die Wassertemperatur in der Niño-3.4-Region des Pazifiks bei 29,98 Grad, 3,31 Grad über dem Vergleichswert von 1991 bis 2020 (vorläufige Werte, Climate Reanalyzer). Fachleute erwarten einen außergewöhnlich starken El Niño. Stöcker spricht von „kollektivem Medienversagen“.
🔗 Zum Beitrag bei Utopia.de vom 11.10.2026
🥦 Ernährung
1 🥦 Gesunder Lebensstil, geringeres Krebsrisiko, auch bei selteneren Krebsarten
Nicht rauchen, gesundes Körpergewicht, ausreichend Bewegung, ausgewogene Ernährung und höchstens moderater Alkoholkonsum: Wie die Kombination dieser fünf Faktoren mit dem Risiko für ein breites Spektrum von Krebsarten zusammenhängt, hat das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) an Daten von 287.745 Teilnehmenden der UK Biobank untersucht. Menschen mit vier oder fünf gesunden Faktoren hatten ein um 29 Prozent niedrigeres Krebsrisiko als jene mit keinem oder einem. Bei 13 von 27 Krebsarten war der Zusammenhang statistisch signifikant, darunter Lungen-, Darm-, Magen-, Leber- und Bauchspeicheldrüsenkrebs sowie Brustkrebs nach den Wechseljahren. Neu ist die Evidenz für seltenere Krebsarten wie das Weichteilsarkom. Besonders ins Gewicht fallen erneut Rauchen (mit zwölf Krebsarten assoziiert) und Übergewicht (zehn). Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, sie zeigt Zusammenhänge auf, keine Ursachen.
🔗 Quelle: Pressemitteilung des DKFZ
Zur Originalpublikation: Ding J et al., British Journal of Cancer 2026, DOI 10.1038/s41416-026-03613-9
2 🥜 Erdnüsse hinterlassen eine Handschrift im Blutfett
Erdnüsse gehören zu den wenigen Lebensmitteln, die reich an sehr langkettigen gesättigten Fettsäuren, sogenannte VLCSFA (Very Long Chain Saturated Fatty Acids) sind und zusammen mit ihrem hohen Gehalt an einfach ungesättigten Fettsäuren ein einzigartiges und unverwechselbares Fettsäureprofil aufweisen. Bisherige Erkenntnisse aus prospektiven Kohortenstudien zeigen, dass ein erhöhter Erdnussverzehr die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und das Sterblichkeitsrisiko reduziert.
Forschende des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) und der Universität Barcelona haben nun erstmals eine molekulare „Peanut Lipidomic Signature“ (PeLS) im Blut identifiziert. Grundlage waren die Interventionsstudie ARISTOTLE, die an der Universität Barcelona durchgeführt wurde. 63 junge Erwachsene aßen zusätzlich zu ihrer gewohnten Ernährung sechs Monate entweder in der Schale geröstete Erdnüsse, Erdnussbutter oder eine Kontrollbutter mit Erdnussöl. Das Team konnte beobachten, wie sich die Blutfettwerte als Reaktion auf den Verzehr von Erdnüssen veränderten. Danach kombinierten sie diese Ergebnisse mit Ergebnissen der EPIC-Potsdam-Kohorte, eine groß angelegte Langzeitstudie, in der über 27.000 Personen beobachtet wurden.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die positiven metabolischen Effekte der in Erdnüssen enthaltenen Fette zu einem gesünderen Körpergewicht beitragen oder Stoffwechselprozesse im Zusammenhang mit Adipositas stabilisieren könnten. Die Identifizierung des spezifischen Lipidprofils legt nahe, dass Erdnüsse als Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung eine effektive Strategie zur Vorbeugung von Typ-2-Diabetes und zur Stärkung der metabolischen Gesundheit darstellen können.
🔗 Quelle: Zur Pressemeldung des DIfE
🔗 Quelle: Deutsches Zentrum für Diabetesforschung
Zur Originalpublikation: Domínguez-López I et al., The American Journal of Clinical Nutrition 2026, DOI 10.1016/j.ajcnut.2026.101527
🤕 IchalsPatient:in
1️⃣ Gesund essen, langsamer altern: Es gibt nicht die eine beste Diät
Gesunde Ernährung geht mit langsamerem biologischem Altern einher, und dafür gibt es mehrere Wege. Das zeigt eine Studie des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) mit Blutproben und Ernährungsdaten von rund 7.500 Menschen aus der Rheinland Studie in Bonn und der EPIC-Potsdam-Studie. Untersucht wurden zehn als gesund geltende Ernährungsstile, darunter pflanzliche, mediterrane, nordische Kost und die blutdrucksenkende DASH-Diät. Alle waren mit einem langsameren Altern verbunden, gemessen an epigenetischen Uhren, also alterstypischen Veränderungen der Erbsubstanz. „Die Effekte sind nicht riesig, aber messbar und bedeutsam für die Prävention“, sagt Studienleiterin Prof. Monique Breteler. Die gute Nachricht für den Alltag: Man braucht keine perfekte Diät, gesunde Ernährung lässt sich an Vorlieben, Kultur und Budget anpassen.
🔗 Quelle: Pressemitteilung des DZNE im idw
Zur Originalpublikation: Tavares JF et al., Nature Communications 2026, DOI 10.1038/s41467-026-77064-4
🧭 MINQ Expertenkompass · Serie Zweitmeinung (2/5)
Welche Fachdisziplinen bei komplexen Entscheidungen wirklich zusammenarbeiten sollten – und wie Sie das erkennen
Der Ausgangspunkt
In Folge 1 ging es um die Zweitmeinung als Einzelentscheidung. Bei komplexen Diagnosen ist die eigentliche Qualitätsfrage aber oft eine andere: Trifft überhaupt eine einzelne Fachdisziplin die Therapieentscheidung – oder ein Gremium, das systematisch mehrere Perspektiven zusammenführt?
Was strukturell gefordert ist
Für onkologische Zentren schreibt der G-BA die interdisziplinäre Tumorkonferenz nicht als freiwilliges Angebot, sondern als verbindliche Struktur vor. Folgende Fachgebiete müssen einbezogen werden: diagnostisches Fachgebiet, operatives Fachgebiet, gegebenenfalls organspezifisch-medikamentöses Fachgebiet, Radioonkologie, Hämatoonkologie und Onkologie, Radiologie sowie Pathologie (Zentrumsregelungen). Vertragsärztinnen und Vertragsärzte können an diesen Fallkonferenzen teilnehmen.
Für andere Zentrumstypen gilt das gleiche Prinzip mit fachspezifischer Zusammensetzung, festgelegt in den Zentrums-Regelungen des G-BA. Entscheidend für Ihre Einschätzung: Die bloße Existenz eines „Boards“ sagt wenig – relevant sind die vorgeschriebene Zusammensetzung, die Frequenz und ob tatsächlich dokumentiert wird, was aus der Empfehlung wird.
Was die Evidenz zeigt
Wie stark ein interdisziplinäres Gremium eine Einzelmeinung tatsächlich verändert, schwankt erheblich je nach Tumorentität und Ausgangslage: Genauso wichtig wie die Entscheidung selbst ist ihre Umsetzung. Eine deutsche Auswertung interdisziplinärer Tumorkonferenzen zeigt: 75,5 % der Empfehlungen waren leitlinienkonform, 24,5 % wichen davon ab – nach oben wie nach unten. Von allen Empfehlungen wurden 81 % tatsächlich umgesetzt, davon 89,6 % leitliniengerecht; in 19 % der Fälle erfolgte keine Umsetzung (LMU München). Eine Untersuchung aus Leipzig fand eine vollständige Leitlinienadhärenz der Tumorboard-Empfehlungen von 76 % (UCCL-Studie). Eine Göttinger Auswertung molekularer Tumorboards zeigt zudem, wie groß die Lücke zwischen Empfehlung und realer Umsetzung werden kann: Nur 15,8 % der Empfehlungen wurden bei den nachverfolgbaren Patient:innen tatsächlich umgesetzt (eDiss Göttingen).
Die Konsequenz für Ihre Einschätzung: Ein gutes interdisziplinäres Board ändert nicht automatisch jede Entscheidung, aber es sollte drei Dinge nachweisbar leisten: die vorgeschriebenen Fachdisziplinen tatsächlich am Tisch haben, die Empfehlung dokumentieren – und die Umsetzung nachverfolgen.
Worauf Sie bei der Klinik- oder Zentrumswahl konkret achten sollten
- Sind alle für die Diagnose vorgeschriebenen Fachdisziplinen tatsächlich ständige Mitglieder, nicht nur gelegentlich zugeschaltet?
- Wird die Fallkonferenz regelmäßig durchgeführt und protokolliert?
- Gibt es eine dokumentierte Nachverfolgung, ob die Empfehlung umgesetzt wurde – oder endet die Verantwortung mit der Sitzung?
- Ist bei radiologischen oder pathologischen Befunden eine Zweitbefundung durch die Fachdisziplin selbst vorgesehen, nicht nur eine mündliche Diskussion?
- Können auch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte einen Fall zur Konferenz einbringen, oder ist das Gremium rein klinikintern?
Nächste Folge: Was vor einer Zweitmeinung tatsächlich vorbereitet sein sollte – und welche Unterlagen das Verfahren beschleunigen statt verzögern.
📣 Ankündigungen
1️⃣ 👩⚕️ 66. DGGG-Kongress in München: „Die Frau im Blick“
Der größte Kongress für Frauenheilkunde im deutschsprachigen Raum steht unter dem Motto „Unsere Zukunft mit Wissenschaft – Die Frau im Blick“. Das Programm reicht von natürlicher und assistierter Geburtshilfe, gynäkologischer Onkologie und Wechseljahren über Reproduktionsmedizin, Endometriose und moderne Beckenbodentherapie bis zu Klimawandel, Digitalisierung, Gewaltambulanzen und Psychosomatik. Kongresspräsident ist Prof. Dr. Matthias Beckmann (Erlangen), gemeinsam mit Prof. Dr. Frauke von Versen (Basel) und Prof. Dr. Brigitte Strizek (Bonn). Im Fokus stehen auch strukturelle Fragen: eine verlässliche Forschungsarchitektur für die Frauenheilkunde und eine zukunftsfähige, risikoadaptierte Geburtshilfe angesichts sinkender Geburtenzahlen und Fachkräftemangels.
📅 Wann: 21. bis 24. Oktober 2026
📍 Wo: ICM – Internationales Congress Center Messe München, Am Messesee 6, 81829 München
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