🗞 47/2025
Altersmedizin fordert faire Therapien für Senior:innen · Sind Chatbots die besseren„Ärzt:innen“? · Kreativität als Jungbrunnen fürs Gehirn · Schmerzmittel begünstigen Blutarmut bei Krebspatienten · Digitale Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten in Baden-Württemberg
📌 5 weekly picks
1 📌 🏥 Altersmedizin fordert faire Therapien für Senior:innen – gegen pauschale Altersgrenzen 🚫👵👴
Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) warnt vor Überlegungen, hochbetagten Menschen bestimmte – insbesondere teure – Therapien vorzuenthalten. Anlass ist eine aktuelle Diskussion, die durch Äußerungen des Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Prof. Hendrik Streeck, ausgelöst wurde.
„Das kalendarische Lebensalter allein darf niemals über medizinische Entscheidungen bestimmen.“
erklärt DGG-Präsident Prof. Michael Denkinger, Chefarzt und Ärztlicher Direktor der Agaplesion Bethesda Klinik in Ulm. Die Debatte mache deutlich, dass die Altersmedizin in Deutschland gestärkt werden müsse. „Die Geriatrie ist die Schlüsseldisziplin für eine angemessene Versorgung alternder Gesellschaften.“
Bei Therapieentscheidungen betrachtet die Geriatrie nicht nur Erkrankungen, sondern auch Funktionalität, Selbstständigkeit und Lebensqualität älterer Patientinnen und Patienten. Dieses umfassende Verständnis basiert auf dem sogenannten geriatrischen Assessment – einer Methode, die den Menschen als Ganzes in den Mittelpunkt stellt.
„Ökonomische Erwägungen sind wichtig, dürfen aber keiner Altersdiskriminierung Vorschub leisten.“
Die DGG ruft daher zu einer sachlichen Debatte über eine zukunftsfähige medizinische Versorgung älterer Menschen auf – und zur Stärkung geriatrischer Strukturen in Deutschland. „Es wird Zeit, dass wir uns in den politischen Prozess einbringen, bevor starre Altersgrenzen das Vertrauen der Patientinnen und Patienten gefährden“, so Denkinger.
2 📌 💬 Sind Chatbots die besseren„Ärzt:innen“? 🤖🩺
Die New York Times hat kürzlich beleuchtet, wie KI-basierte Chatbots das Gesundheitssystem in den USA durcheinanderwirbeln: Immer mehr Patient:innen fragen ChatGPT & Co. bei Symptomen, Beschwerden und medizinischen Unsicherheiten um Rat.
Laut einer aktuellen Umfrage nutzt bereits jede:r sechste Erwachsene regelmäßig solche Tools für Gesundheitsinformationen. Was sie suchen? Schnelle Antworten, mehr Verständnis und niedrigere Schwellen als im klassischen Gesundheitssystem – und einen „freundlicheren“ Umgang mit ihren Anliegen. Die Zeitung berichtet, dass viele Menschen den Chatbots mehr Aufmerksamkeit und Empathie zuschreiben als ihren Ärzt:innen. Die KI reagiert immer prompt, bleibt höflich, geht auf Sorgen ein – und liefert, dank „enzyklopädischem Wissen“ oft schnelle und hilfreiche Erklärungen. Was aber, wenn Chatbots Fehler machen? Mediziner:innen warnen: Die KI ist entgegen aller Empathie nicht fehlerfrei und kann kritische Entscheidungen falsch beeinflussen, sie kann plausible, aber auch komplett falsche Diagnosen vorschlagen und Risiken oft unzureichend einschätzen.
Eine Studie der TU München über die Leistungsfähigkeit der KI-Chatbots bei Diagnosen kam zu folgendem Ergebnis:
- Kein getestetes KI-Modell forderte durchgängig alle notwendigen Untersuchungen an. Mit zunehmender Fallinformation wurden die Diagnosen der KI-Modelle sogar weniger zutreffend.
- Häufig wurden medizinische Leitlinien nicht beachtet und mitunter Untersuchungen angeordnet, die reale Patient:innen gefährden könnten.
- Im direkten Vergleich waren Ärztinnen und Ärzte in 89 % der Fälle korrekt, das beste KI-Modell nur in 73 %.
- Die Resultate der KI hingen von der Reihenfolge und der Formulierung der Informationen ab – kleine Unterschiede in der Fragestellung führten zu deutlichen Leistungsunterschieden.
Hager, P., Jungmann, F., Holland, R. et al. “Evaluation and mitigation of the limitations of large language models in clinical decision-making”. Nat Med (2024). DOI: 10.1038/s41591-024-03097-1
3 📌 Kreativität ist ein Jungbrunnen fürs Gehirn 🎨🧠💡
Eine neue, groß angelegte internationale Studie mit über 1.400 Teilnehmer:innen aus 13 Ländern liefert erstmals klare Beweise: Wer regelmäßig kreativ aktiv ist – ob Tango tanzen, ein Instrument spielen, malen oder sogar gezielt strategische Videospiele nutzen –, verlangsamt das biologische Altern seines Gehirns messbar. Mithilfe moderner „Brain-Clock“-Modelle (KI-basierte Schätzung des biologischen Hirnalters) zeigte sich: Kreativ-Experten und regelmäßig Aktive haben ein deutlich kleineres „Brain-Age-Gap“, also ein jüngeres Gehirn als ihr kalendarisches Alter vermuten lässt. Selbst kurze kreative Trainingsperioden brachten bereits positive Effekte. Kreative Betätigung führt zu effizienteren Hirnnetzwerken, besserer Konnektivität und schützt genau die Regionen, die beim normalen Altern am stärksten abbauen.
Dr. Lucia Melloni vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik (MPIEA) sagt: „Kreativität ist ein mächtiges, kostengünstiges und für fast jeden zugängliches Werkzeug, um gesund zu altern – vergleichbar mit Sport und gesunder Ernährung.“
👉 Zur Meldung des MPIEA
Coronel-Oliveros, C., Migeot, J., Lehue, F. et al. Creative experiences and brain clocks. Nat Commun 16, 8336 (2025). https://doi.org/10.1038/s41467-025-64173-9
4 📌 Spitzenforschung: Wie Schmerzmittel Blutarmut bei Krebspatienten begünstigen 🔬💊🩸
Schmerzmittel können bei Leberkrebspatienten den Eisenstoffwechsel auf unerwartete Weise beeinflussen und Anämien begünstigen. Das zeigt eine neue Studie von Ursula Klingmüller am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und Jens Timmer von der Universität Freiburg. „Unsere Ergebnisse an menschlichen Zelllinien deuten darauf hin, dass die Einnahme gängiger Schmerzmittel bei Krebspatientinnen und -patienten unbeabsichtigte Nebenwirkungen auf den Eisenhaushalt haben könnte“, sagt Studienleiterin Ursula Klingmüller. „Besonders bei Leberkrebszellen konnten wir zeigen, dass die Wirkstoffe Diclofenac und Paracetamol Signalwege aktivieren, die die Hepcidin-Produktion verstärken.“ Demnach können beide Schmerzmittel zwar die Entzündungsreaktion abschwächen, gleichzeitig aber die Produktion des Eisen-regulierenden Hormons Hepcidin in den Leberkrebszellen stark erhöhen. Es hemmt die Eisenaufnahme aus dem Darm und die Freisetzung von Eisen aus Speichern wie der Leber. Ein übermäßiger Hepcidin-Spiegel kann dazu führen, dass weniger Eisen aufgenommen und das vorhandene Eisen in den Speichern zurückgehalten wird – was wiederum eine Blutarmut (Anämie) begünstigt.
Die Studie entstand in enger Zusammenarbeit zwischen dem DKFZ, der Universität Heidelberg, dem Universitätsklinikum Heidelberg, dem Universitätsklinikum Leipzig und der Universität Freiburg.
Ursula Klingmüller e. al.: Diclofenac and acetaminophen dim the acute-phase response but amplify expression of the iron regulator hepcidin in liver cancer cells. Cell Systems, 2025, DOI: 10.1016/j.cels.2025.101431
🔗 Zur Pressemitteilung des DKFZ
5 📌 Digitale Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten 💻🩺🤝
Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) baut ihr telemedizinisches Angebot weiter aus. Für Karsten Braun, Vorstandsvorsitzender der KVBW, entlasten telemedizinische Interventionen vor allem die ambulante Versorgungsstruktur. Über die Webseite docdirekt.de können Patient:innen eine medizinische Ersteinschätzung bekommen. Wenn dabei eine Videosprechstunde empfohlen wird, kann über die Plattform direkt ein Gespräch mit einer Tele-Ärztin oder einem Tele-Arzt vermittelt werden. Bei docdirekt sind nach Angaben der KVBW ausschließlich erfahrene und qualifizierte niedergelassene Ärztinnen und Ärzte aus Baden-Württemberg als Tele-Ärzte und -Ärztinnen tätig. Nutzbar ist docdirekt sowohl am Computer oder Notebook als auch über mobile Endgeräte.
Die medizinische Ersteinschätzung ist kostenlos und ohne Registrierung möglich. Bei der Anmeldung zur Videosprechstunde sind die Daten zur Krankenkasse oder Krankenversicherung anzugeben. Wird eine Videosprechstunde durchgeführt, übernehmen für gesetzlich Versicherte die Krankenkassen die Kosten.
Das Angebot steht allen Menschen offen, die in Baden-Württemberg wohnen oder sich hier aufhalten. Die KVBW verspricht nur Vorteile: keine Wartezeit für die Ersteinschätzung und eine direkte Weiterleitung zur Videosprechstunde.
🔗 Zur Meldung der KVBW
PLUS … in eigener Sache
6 📌 Innovativer, patientenorientierter Journalismus - die diesjährliche Patientenumfrage von MINQ 📊🩺👥
Es ist schon Tradition und gehört zu einer der wichtigen und unverzichtbaren Erkenntnisquellen im Konzept unserer Recherchen: die jährliche Patientenumfrage von MINQ, die bundesweit durchgeführt wird und an alle wichtigen Patientenverbände und Patientenvertreter:innen adressiert ist. Dort teilen diese uns die Erfahrungen mit, die sie von Patientinnen, Patienten und Selbsthilfegruppen im täglichen Umgang mit Medizinern, Kliniken und Rehakliniken erfahren haben; und sie weisen uns auch auf besonders verdienstvolle patientenorientierte Ärztinnen, Ärzte und Kliniken hin.
Wie immer sind die Verbände eingeladen, sich an der diesjährigen großen Umfrage zu beteiligen und so ihren Einfluss geltend zu machen. Sie können sich über diesen link bei uns registrieren. Unsere Rechercheergebnisse veröffentlichen wir in diesem Jahr im Nachrichtenmagazin stern. Ziel ist ein innovativer, patientenorientierter Journalismus über gute Medizin und ausgezeichnete Ärztinnen und Ärzte.
ℹ️ Wir freuen uns immer über thematische Anregungen und Themenvorschläge für die Weekly picks, die wir hier in unserem Newsletter gerne aufgreifen. Dazu können Sie uns gerne hier per mail kontaktieren.
💬 Über unseren Tellerrand
🐦🔇 Die Spatzen pfeifen nicht mehr von Münchens Dächern 🐦🚫🏠
Die Münchner Abendzeitung (AZ) macht auf einen traurigen Umstand aufmerksam: Offenbar sind die Spatzen in der bayerischen Hauptstadt auf dem Rückzug.
”Die letzte Spatzen-Kolonie ist schon vor Jahren aus der Altstadt verschwunden. Und auch sonst leben in München so wenig Spatzen wie in keiner anderen deutschen Stadt.” (AZ)
Die Abendzeitung zitiert Oliver Wittig vom Landesbund für Vogelschutz (LBV). Demnach leben es in keiner anderen deutschen Stadt so wenig Spatzen wie in München. Der Bestand geht in ganz Europa zurück. In Bayern steht der Spatz sogar auf der Vorwarnliste der gefährdeten Arten, also unter strengem Schutz.
“Man hat die Spatzen nicht aus der Münchner Altstadt vertrieben”, sagt Wittig in der AZ, “aber man hat ihnen den Lebensraum genommen.”
📣 Ankündigungen
1️⃣ 📢 DIVI-Kongress 2025: Klug entscheiden – achtsam handeln
Klug entscheiden – achtsam handeln. Hierzu lädt die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin auf ihrem Jahreskongress ein. Im Fokus steht die evidenzbasierte Entscheidungsfindung in Rettungsdienst, Notaufnahme und Intensivstation. Ebenso wichtig ist die Achtsamkeit gegenüber Patient:innen, Angehörigen und Kolleg:innen. Neue Entwicklungen wie Telemedizin und KI werden zudem kritisch reflektiert.
🔗 Zur Kongress-Homepage
👉 Zum Programm
📅 Wann: 3. bis 5. Dezember 2025
📍 Wo: CCH – Congress Center Hamburg, Congressplatz 1, 20355 Hamburg
2️⃣ Von Mindestmengen bis KI: AE-Kongress 2025 ⚖️🧬🤖
Anfang Dezember findet auch der Jahreskongress der AE – Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik e. V. in Berlin statt. Das Leitthema „Endoprothetik im Wandel“ stellt die zukünftige Entwicklung des Fachs in den Mittelpunkt.
Die Krankenhausstrukturreform mit Mindestmengen, Level-Einstufungen und Zentralisierung prägt die aktuellen Debatten. Das wissenschaftliche Programm deckt ein breites Spektrum ab – von Primär- und Revisionsendoprothetik bis zur Digitalisierung. Workshops, Expertenrunden und Falldiskussionen sorgen für praxisnahen Austausch. Besonders eingebunden ist der ärztliche Nachwuchs über AE-YOUTH.
🔗 Zur Kongress-Homepage
👉 Zum Programm
📅 Wann: 4. und 5. Dezember 2025
📍 Wo: Vienna House by Wyndham Andel´s Berlin, Landsberger Allee 106, 10369 Berlin
🤕 IchalsPatient
1️⃣ YouTube startet neue Bereiche für Erste Hilfe 🎥🩹❤️
YouTube Health erweitert sein Angebot um praxisnahe Erste-Hilfe-Videos. Die Inhalte sollen Menschen helfen, Leben zu retten. Erstellt werden sie von anerkannten Expert:innen und Organisationen. Neu ist, dass diese Videos direkt in den Suchergebnissen erscheinen. Suchbegriffe wie Herzinfarkt, CPR oder Blutung führen zu kompakten Anleitungen. Die Videos sind kurz, verständlich und Schritt für Schritt aufgebaut. Sie zeigen Sofortmaßnahmen wie HLW, Heimlich-Manöver oder Blutstillung. Auch Themen wie Schlaganfall, Krampfanfälle und Intoxikation sind abgedeckt.
In Deutschland werden die neuen Erste-Hilfe-Videos gemeinsam mit Partnern wie dem Universitätsklinikum Freiburg, der Charité, der AOK, den Asklepios Kliniken, netDoktor oder Dr. Tobias Weigl erstellt. Laut YouTube sollen diese Kooperationen die inhaltliche Qualität und Verlässlichkeit sichern.
MINQ's weekly picks Newsletter
Melden Sie sich kostenlos an, um die neuesten Updates in Ihrem Posteingang zu erhalten