Foto der Woche Laura Cleffmann

🗞 17/2024

Durchbruch bei systemischer Sklerose · Mehr Forschung fĂŒr Krebstherapien fĂŒr Kinder · Forschungserfolg mit deutscher Beteiligung bei Gentherapie · EinfĂŒhlsamere KI · Mission: Mehr Kunst in KrankenhĂ€user

Karl-Richard Eberle
Karl-Richard Eberle

📌 5 weekly picks

1 📌  LMU MĂŒnchen: Hoffnung auf Durchbruch bei systemischer Sklerose

Die systemische Sklerose oder Sklerodermie ist eine seltene autoimmune rheumatische Erkrankung. Dabei greift das eigene Immunsystem das körpereigene Bindegewebe an und löst dadurch eine EntzĂŒndungsreaktion aus. Parallel verĂ€ndern sich die kleinen BlutgefĂ€sse. In der Folge verhĂ€rtet sich zunehmend die Haut. Auch innere Organe wie der Magen-Darm-Trakt, die Lunge die Niere oder das Herz können betroffen sein. Die Erkrankung gilt bisher als nicht heilbar.

Einer Gruppe von MĂŒnchner Wissenschaftlern und Ärzten rund um die MINQ-Spezialisten Prof. Dr. Michael von Bergwelt, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik III und Prof. Hendrik Schulze-Koops, Leiter der Sektion Rheumatologie und Klinische Immunologie an der Medizinischen Klinik IV sowie die Ärztinnen Prof. Dr. Marion Subklewe, Spezialistin fĂŒr Immuntherapie an der Medizinische Klinik und Poliklinik III und Frau Prof. Dr. Alla Skapenko, leitende Immunologin der Sektion Rheumatologie und Klinische Immunologie, ist nun möglicherweise ein großartiger Durchbruch bei der Behandlung der Erkrankung gelungen.

Nach einem mehrwöchigen Behandlungszyklus mit einem immuntherapeutischen Krebsmedikament konnte der Zustand der 35-jĂ€hrigen Patientin offenbar maßgeblich verbessert werden. „Wir sollten nicht behaupten, dass sie geheilt ist“, sagt Prof. Dr. Hendrik Schulze-Koops, Leiter der Sektion Rheumatologie und Klinische Immunologie an der Medizinischen Klinik IV: „Aber ihr Zustand hat sich drastisch gebessert.“ Es ist der weltweit erste Fall einer solchen Behandlung, jetzt veröffentlicht im „European Journal of Cancer“.

Zur Originalmeldung der LMU

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📝 Die Originalpublikation: Application of blinatumomab, a bispecific anti-CD3/CD19 T-cell engager, in treating severe systemic sclerosis: A case study
Marion Subklewe, Giulia Magno, Christina Gebhardt, Michael von Bergwelt-Baildon, Alla Skapenko, Hendrik Schulze-Koops, April 22, 2024

2 📌 Internationales Projekt mit DKFZ: Neue Krebstherapien fĂŒr Kinder

Die Entwicklung von Krebstherapien speziell fĂŒr Kinder und Jugendliche kommt bisher nur zögerlich voran. Zwar können in Deutschland mittlerweile etwa 80 Prozent der jungen Betroffenen geheilt werden. Die ĂŒbrigen 20 Prozent der jungen Krebskranken ĂŒberlebt die Erkrankung jedoch nicht.

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„Standardtherapien und auch neue zielgerichtete Medikamente fĂŒr Erwachsene helfen einem großen Teil dieser Kinder leider nicht. Krebs bei Kindern hat andere Ursachen, die Krebserkrankungen sind andere und auch bei der Tumorbiologie sehen wir ganz deutliche Unterschiede, die man von der Erwachsenenonkologie nicht einfach auf Kinder ĂŒbertragen kann.“

Prof. Dr. med. Stefan Pfister, Direktor am Hopp-Kindertumorzentrum Heidelberg (KiTZ), Abteilungsleiter am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und Kinderonkologe am UniversitÀtsklinikum Heidelberg (UKHD).

Das interdisziplinĂ€r angelegte Vorhaben „PROTECT“ will das Ă€ndern. Geleitet wird das Projekt von Stefan Pfister vom Hopp-Kindertumorzentrum Heidelberg (KiTZ), Nathanael Gray von der Stanford UniversitĂ€t und Kimberly Stegmaier vom Dana-Farber Cancer Institut in Boston. Insgesamt sind zehn Krebszentren aus fĂŒnf LĂ€ndern beteiligt. Das internationale Team will neuartige Krebstherapien entwickeln, durch die krebsspezifische Eiweiße in den Tumorzellen abgebaut werden und die bei jungen Krebskranken bisher noch nicht zum Einsatz kommen.

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Gefördert wird das Projekt durch das Programm „Cancer Grand Challenges“, das besonders ehrgeizige, zukunftsweisende Krebsforschungsprojekte finanziert, die großes Potential haben, die Situation der Betroffenen nachhaltig zu verbessern. Cancer Grand Challenges wurde im Jahr 2020 von Cancer Research UK und dem National Cancer Institute gegrĂŒndet, zwei der weltweit grĂ¶ĂŸten Förderer fĂŒr Krebsforschung.
Cancer Grand Challenges unterstĂŒtzt Forschungsteams von Weltrang, die zusammenkommen, anders denken und sich einigen der grĂ¶ĂŸten Herausforderungen der Krebsforschung stellen. Diese können nur durch multidisziplinĂ€re AnsĂ€tze mit großen internationalen Teams angegangen werden. Die mit bis zu 25 Mio. USD dotierten Förderungen der Cancer Grand Challenges ermöglichen es den Teams, traditionelle, geografische und fachliche Grenzen zu ĂŒberwinden, um dringend benötigten Fortschritte bei der KrebsbekĂ€mpfung voranzubringen. An den Cancer Grand Challenges nehmen derzeit 1 200 Forscher und 16 Teams aus der ganzen Welt teil, um 13 zentrale Herausforderungen der KrebsbekĂ€mpfung zu lösen.

3 📌 Internationale Studie und Forschungserfolg bei Gentherapie: UK Regensburg, UK DĂŒsseldorf und GK Mittelrhein

Die Sichelzellkrankheit ist eine der hÀufigsten Erbkrankheiten und die hÀufigste angeborene Bluterkrankung. Sie tritt auf, wenn beide Elternteile ein bestimmtes fehlerhaftes Gen weitervererben. Dieses Gen verursacht eine VerÀnderung im HÀmoglobin, dem Protein in den roten Blutkörperchen, das den Sauerstoff transportiert. Die sonst sehr flexiblen roten Blutkörperchen werden bei Menschen mit Sichelzellkrankheit steif und nehmen bizarre Formen an, die an eine Sichel erinnern, was der Erkrankung ihren Namen verlieh. Patienten mit Sichelzellerkrankung benötigten bisher eine Stammzelltransplantation, eine andere Möglichkeit der Heilung gab es nicht.

Eine große multizentrische Studie, die in den USA und in Europa durchgefĂŒhrt wird und an der in Deutschland Prof. Dr. Selim Corbacioglu vom UniversitĂ€tsklinikum in Regensburg, PD Dr. med. Roland Meisel der UniversitĂ€tsklinik DĂŒsseldorf und Dr. med. Stephan Lobitz, Chefarzt PĂ€diatrische HĂ€matologie und Onkologie vom Gemeinschaftsklinikum Mittelrhein beteiligt sind, untersuchte nun die Erfolgschancen der Gentherapie Exa-cel, bei der Stammzellen aus dem Körper des Patienten entnommen und im Labor modifiziert werden, und fĂŒhrte zu “beeindruckend positiven Ergebnissen”.

Bei 29 von 30 Patienten traten auch mehr als zwölf Monate nach der Behandlung keine weiteren Schmerzkrisen auf, berichtet Prof. Dr. Selim Corbacioglu, Leiter der Regensburger Abteilung fĂŒr PĂ€diatrische HĂ€matologie, Onkologie und Stammzelltransplantation und einer der Autoren der Studie. Corbacioglu gilt als der weltweit Erste, der einen Patienten mit „exa-cel“ behandelt hat.

Die Studie wurde jetzt im renommierten wissenschaftlichen Journal, dem New England Journal of Medicine NEJM, veröffentlicht.

Zur Originalstudie im NEJM

4 📌 Die einfĂŒhlsame KI: Wie ChatGPT-4 bei der Patienteninformation punktet

EinfĂŒhlsame und zeitaufwendige Patienteninformation bleiben mangels Zeit oft auf der Strecke. Hier hat richtig eingesetzte KI das Potenzial, Ärztinnen und Ärzte zu entlasten, ohne dass auf ausreichende Informationen verzichtet werden muss. Dies ist ein Ergebnis der ChatSLE-Studie von Forschenden aus Hamburg und Marburg, die gerade im Fachblatt Lancet Rheumatology veröffentlicht wurde.

Am Beispiel entzĂŒndlich-rheumatischer Erkrankungen, die auf Seiten der Betroffenen viele Fragen mit sich bringt, konnte im Rahmen einer Studie gezeigt werden, dass eine KI, mit entsprechendem Datenmaterial gefĂŒttert, die Anliegen der Betroffenen besser und ausfĂŒhrlicher bedient, als es vielen Ärzten oft möglich ist. In der ChatSLE-Studie zeigte sich, dass die von der KI produzierten lĂ€ngere Texte sogar als empathischer empfunden werden gegenĂŒber den Informationen, die von Ärzten stammen.

Nach Angaben der Deutsche Gesellschaft fĂŒr Rheumatologie und Klinische Immunologie e.V. (DGRh) werden derzeit 1,8 Millionen Rheuma-Erkrankte in Deutschland von nur 700 niedergelassenen Rheumatologi:nnen versorgt. „Diese Zahl mĂŒsste ungefĂ€hr dreimal so hoch sein, um eine gute Versorgung sicherzustellen“, so MINQ-Spezialist Professor Dr. med. Christof Specker, derzeitiger DGRh-PrĂ€sident und Direktor der Klinik fĂŒr Rheumatologie und Klinische Immunologie der KEM | Evang. Kliniken Essen-Mitte. KĂŒnstliche Intelligenz, richtig eingesetzt, könnte nach Ansicht der DGRh zu einer deutlichen Verbesserung der Versorgungssituation fĂŒhren.

Zur Pressemeldung der DGrh

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Originalstudie in Lancet Rheumatology
Haase, Isabell et al., ChatSLE: consulting ChatGPT-4 for 100 frequently asked lupus questions, The Lancet Rheumatology, Volume 6, Issue 4, e196 - e199, DOI: https://doi.org/10.1016/S2665-9913(24)00056-0

5 📌 Apps auf Rezept mit Preisspirale

Die Techniker Krankenkasse (TK) hat eine Preisspirale bei Apps auf Rezept beklagt. Der Durchschnittspreis fĂŒr digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) erhöhte sich von 2020 bis 2023 um 50 Prozent, in vielen FĂ€llen sei der Nutzen einer Anwendung anfangs noch gar nicht belegt. Wie das Ärzteblatt berichtet, wurden seit dem Start der Gesundheitsapps auf Rezept im September 2020 hunderttausende solcher Anwendungen ĂŒber die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) in Anspruch genommen. Die Kosten solcher Apps etwa bei Schmerzen, Diabetes oder zur Gewichtsreduktion werden von den Kassen erstattet. Zuvor muss das Bundesinstitut fĂŒr Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) Funktion, QualitĂ€t, und Datensicherheit der Produkte geprĂŒft haben. Dem TK-Report zufolge konnten allerdings 29 von 45 Anwendungen den Nutzen im Verlauf des Probejahres nicht nachweisen. Die Kassen mĂŒssten dann weiterhin die höheren Preise bezahlen, bis der Nutzen abschließend belegt sei.


💬 Über unseren Tellerrand

“Health is a state of complete physical, mental and social wellbeing and not merely the absence of disease or infirmity.”

World Health Organisation, 1948

Mission: "Paintings in Hospitals"

Kunst in KrankenhĂ€user zu bringen ist die Vision von „Paintings in Hospitals“. Die Idee: der positive Einfluss von Kunst soll Patienten und Angestellten zu einer besseren AthmospĂ€re verhelfen und dabei helfen, die Genesung zu unterstĂŒtzen. Die WohltĂ€tigkeitsorganisation baute seit 1959 eine Kunstsammlung mit 3.700 Kunstwerken speziell fĂŒr das Gesundheitswesen auf, die Bandbreite der Kunstwerke erstreckt sich von GemĂ€lden und Zeichnungen bis hin zu Skulpturen und Animationen, viele davon von bekannten KĂŒnstlern. Alle Arten von Gesundheits- und Pflegeorganisationen können Kunst aus der Sammlung ausleihen; nach Angaben der Organisation zĂ€hlen KrankenhĂ€user, Hospize, Pflegeheime, Hausarztpraxen und psychiatrische Einrichtungen zu den Nutznießern.

15 New Artworks Arrive at Stroke Rehabilitation Unit at University Hospital Llandough
The new artworks were carefully chosen through a collaborative process facilitated by Paintings in Hospitals Relationship & Development Manager, Dominic.

📣 AnkĂŒndigungen

1ïžâƒŁ Immunmechanismen der Depression: Wie Abwehrzellen und EntzĂŒndungsprozesse unsere Stimmung beeinflussen.

Im Rahmen des Max-Planck-Gesundheitsforums gibt der Arzt und Neurowissenschaftler Iven von MĂŒcke-Heim in seinem Vortrag Einblicke in die Immunmechanismen der Depression. Dabei stellt er neben dem Stand der Wissenschaft auch aktuelle Forschungsprojekte zu dieser Thematik am Max-Planck-Institut fĂŒr Psychiatrie vor. Die Veranstaltung ist kostenfrei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich, der Zugangslink wird einen Tag vorher auf der Website des Institutsveröffentlicht: https://www.psych.mpg.de/gesundheitsforum

📆 Wann: 07. Mai um 18:30 Uhr, Online-Vortrag


2ïžâƒŁ Patiententag NĂŒrnberg: Das Multiple Myelom

Das Multiple Myelom, auch „Knochenmarkkrebs“, ist eine seltene Krebserkrankung, bei deren Behandlung es neuerdings vielversprechende Therapieerfolge gibt. Über diese Fortschritte informiert das Klinikum NĂŒrnberg bei einem Patiententag.

📆 Wann? Mittwoch, 15. Mai 2024. Die Veranstaltung beginnt um 15.30 Uhr.

Infos zur Veranstaltung


🏆 MINQs Choice

Nach mehr als 25 Jahren aktiver Recherche und Erstellung der Ärztelisten, die seit 1997 regelmĂ€ĂŸig zuerst in der Zeitschrift FOCUS publiziert wurden und seit 2022 im Magazin stern erscheinen, haben wir uns entschlossen, unter dieser Rubrik - gewissermaßen in eigener Sache - jede Woche auf besondere Mediziner:innen zu verweisen.


Dr. med. dent. Marion Hahn (MScLO) - MINQ-Spezialistin seit 2015

Dr. Dr. Werner Hahn - MINQ-Spezialist seit 2012

Dr. med. Frank G. Neidel - MINQ-Spezialist seit 2018

Dr. med. Georg Döhmen - MINQ-Spezialist seit 2021

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