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🗞 33/2025

Multimodales Exposom: Wie Umweltfaktoren das Herz belasten · Gesten als SchlĂŒssel zur Sprache · Tödliche Pilze · ARFID - "Ich esse nicht, weil ich Angst habe" – ARFID · Sudoku: KI kann nicht logisch denken · Wie wir sehen, was wir sehen: Kongress zur visuellen Wahrnehmungsforschung

Mirjam Bauer Karl-Richard Eberle

📌 5 weekly picks

1 📌 Multimodales Exposom: Wie Umweltfaktoren das Herz belasten 🧠

Feinstaub, LĂ€rm, Hitze, Chemikalien – Umweltfaktoren belasten nicht nur die LebensqualitĂ€t, sondern auch das Herz. Eine neue internationale Studie zeigt: Umweltstressoren wie Luftverschmutzung, LĂ€rm, Hitze und chemische Substanzen wirken sich deutlich auf die Herzgesundheit aus. Besonders relevant ist die kombinierte Belastung durch mehrere Faktoren – das sogenannte „multimodale Exposom“, als da sind:

  • Feinstaub & ultrafeine Partikel: Gelangen tief in die Atemwege und ins GefĂ€ĂŸsystem, fördern EntzĂŒndungen und Arteriosklerose.
  • VerkehrslĂ€rm: Stört den Schlaf, erhöht Stresshormone und begĂŒnstigt Bluthochdruck.
  • Hitze: Belastet insbesondere Ă€ltere und vorerkrankte Menschen, vor allem in urbanen RĂ€umen.
  • Chemikalien wie PFAS und Pestizide: Wirken ĂŒber Nahrung und Wasser, fördern oxidativen Stress und GefĂ€ĂŸschĂ€den.

Die Studie beschreibt eine gemeinsame biologische Kaskade: Aktivierung von NOX-2, oxidativer Stress, Endotheldysfunktion – alles bekannte Risikofaktoren fĂŒr Herzinfarkt und Schlaganfall. Die Autor:innen fordern daher eine stĂ€rkere BerĂŒcksichtigung umweltmedizinischer Aspekte in PrĂ€vention und Politik. Empfohlen werden unter anderem strengere Grenzwerte, grĂŒne Stadtplanung und interdisziplinĂ€re Forschung.

Veröffentlicht wurde die Studie im Fachjournal Cardiovascular Research – mit Beteiligung von Forschungseinrichtungen aus Mainz, MĂŒnchen, Kopenhagen und Boston.

Grafik: Mod. nach MĂŒnzel T et al. Cardiovascular Research 2025.

👉 Weiterlesen auf den Seiten der UM Mainz

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Zur Originalpublikation:
MĂŒnzel T, Kuntic M, Lelieveld J, Daiber A et al. A comprehensive review/expert statement on environmental risk factors of cardiovascular disease. Cardiovascular Research 2025. https://doi.org/10.1093/cvr/cvaf119

2 📌  Denken mit den HĂ€nden: Gesten als SchlĂŒssel zur Sprache 👐

Gesten begleiten unsere Sprache – oft unbewusst, aber mit großer Wirkung. Die Psychologin Susan Goldin-Meadow von der UniversitĂ€t von Chicago, Pionierin der psychologischen und linguistischen Gestenforschung, erforscht seit Jahrzehnten, wie Gestik unser Denken formt und was sie ĂŒber den Ursprung der Sprache verrĂ€t.

In ihrem Buch Thinking with Your Hands zeigt sie: Gesten helfen, Gedanken zu ordnen, kognitive Belastung zu reduzieren und Inhalte zu strukturieren. Auch blinde Menschen gestikulieren – selbst beim Sprechen mit anderen Blinden. Das deutet auf eine tief verankerte Verbindung zwischen Gestik und Sprache hin. Goldin-Meadow begann ihre Forschung mit gehörlosen Kindern, die keine GebĂ€rdensprache gelernt hatten – und dennoch ein eigenes Gestensystem entwickelten: Homesign.Dieses System enthĂ€lt grammatische Strukturen wie Subjekt-Objekt-Beziehungen – unabhĂ€ngig von kultureller Überlieferung. Die Forschung legt nahe: Sprache hat biologische Wurzeln, nicht nur kulturelle.

Historisch wurde Gestik in der Linguistik lange vernachlĂ€ssigt – selbst GebĂ€rdensprache galt lange nicht als „echte“ Sprache. Heute wird visuelle Kommunikation neu bewertet – auch Emojis gelten als moderne Form von Gesten. „Gesten befinden sich zwischen Handlung und ReprĂ€sentation“, sagt Susan Goldin-Meadow – sie machen Gedanken sichtbar. In Studien zeigten sich wahre Inhalte in Gesten, obwohl die Worte gelogen waren: „Die Wahrheit zeigte sich in ihren Gesten.“ Auch in der Diagnostik sind Gesten vielversprechend: „Kinder mit HirnschĂ€digung, die gestikulieren, lernen Wörter genauso schnell wie gesunde Kinder.“ Goldin-Meadow erforscht, wie Gesten beim Lernen helfen – und was dabei im Gehirn passiert. „Es gibt mehr, was wir nicht wissen, als was wir wissen“ – die visuelle Kommunikation bleibt ein faszinierendes Forschungsfeld.

👉  Zum gesamten Interview mit Susan Goldin-Meadow auf den Seiten der Uni Frankfurt

3 📌 Tödlicher Irrtum im Wald: Wenn Pilze zur Lebensgefahr werden đŸŒłđŸ„â˜ ïž

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) warnt vor unachtsamem Umgang mit Pilzen: Im Norden Deutschlands werden derzeit vermehrt Menschen mit schwerwiegenden Pilzvergiftungen eingeliefert. Die meisten Patient:innen stammen aus LĂ€ndern wie Russland, der Ukraine, aus dem Nahen Osten und Afghanistan. FĂŒr die VergiftungsfĂ€lle verantwortlich ist vor allem der KnollenblĂ€tterpilz. „In den HeimatlĂ€ndern der Betroffenen ist der KnollenblĂ€tterpilz weniger verbreitet. Hier in Deutschland wird aufgrund von Unkenntnis die Gefahr des Pilzesammelns oft nicht ausreichend ernst genommen“, erklĂ€rt Professor Dr. Richard Taubert, Bereichsleiter Transplantationshepatologie. Eine unzureichende Kenntnis der einzelnen Pilzarten kann schnell zu Vergiftungen und Leberversagen fĂŒhren. Der KnollenblĂ€tterpilz, einer der giftigsten Pilze in Deutschland, ist fĂŒr 90 Prozent aller tödlichen Pilzvergiftungen verantwortlich. Er ist sehr gefĂ€hrlich, da sein Gift erst mehrere Stunden nach dem Verzehr wirkt und dann bereits im ganzen Körper aufgenommen wurde. ZunĂ€chst treten Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auf – Ă€hnlich einer Magen-Darm-Infektion. Nach ein bis zwei Tagen kommt es zur SchĂ€digung der Leber, die von Blutgerinnungs- und Nierenfunktionsstörungen begleitet werden kann. „Im schlimmsten Fall stellt die Leber ihre Funktion ein, so dass nur noch eine Lebertransplantation das Leben der Patienten retten kann“, so Professor Taubert.

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Wegen der großen Gefahr sollten Pilzsammlerinnen und -sammler die gefundenen Pilze vor dem Verzehr von einer oder einem PilzsachverstĂ€ndigen bestimmen lassen. Das Giftinformationszentrum-Nord rĂ€t darĂŒber hinaus, Schulungen der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Mykologie zu besuchen, bevor es ans Pilzesuchen geht. Durch Schulungen lasse sich die Artenkenntnis verbessern. Auf Apps, die bei der Bestimmung von Pilzen helfen, solle man sich nicht verlassen.
Besteht der Verdacht einer Pilzvergiftung, sollte dringend der Notarzt gerufen werden. Zur Erleichterung der Diagnose sollten Pilzreste und Erbrochenes aufgehoben werden. Bereits bei dem Verdacht auf eine KnollenblĂ€tterpilzvergiftung wird die Behandlung mit dem Gegengift/Antidot begonnen. Die Vergiftung wird dann ĂŒber den Nachweis des Giftes im Urin bestĂ€tigt oder ausgeschlossen.
Der KnollenblĂ€tterpilz wĂ€chst in Zeitraum von August bis Oktober in Laub- und LaubmischwĂ€ldern. Zu erkennen ist er an einem drei bis 15 Zentimeter breiten Hut, der glockig bis schirmartig ausgebreitet ist. An der Unterseite befinden sich weiße Lamellen. Die Farbe des Giftpilzes ist grĂŒn, grĂŒn-gelb oder weiß.

👉 Zur Liste der Giftnotrufzentralen und Giftinformationszentren in Deutschland, Österreich und Schweiz

4 📌 â€žIch esse nicht, weil ich Angst habe“ – ARFID bleibt oft unerkannt đŸ”đŸœïžđŸ˜Ÿ

ARFID – Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder, die sogenannte „vermeidende/restriktive Essstörung“ – beginnt meist im Kindesalter und wurde bislang vor allem bei Untergewichtigen untersucht. Eine neue Studie der UniversitĂ€tsmedizin Leipzig zeigt: Auch Erwachsene mit erhöhtem Körpergewicht können betroffen sein. ARFID Ă€ußert sich durch Ablehnung bestimmter Lebensmittel, etwa wegen Geruch, Konsistenz oder Angst vor dem Verschlucken. Auch ein vermindertes Interesse am Essen kann ein Symptom sein – ohne den Wunsch nach Gewichtsverlust. Die Folge: MangelernĂ€hrung, psychosoziale Belastung und körperliche Erkrankungen.

Ein Team um Dr. Ricarda Schmidt und MINQ-Spezialistin Prof. Dr. Anja Hilbert von der Klinik und Poliklinik fĂŒr Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Leipzig entwickelte ein weltweit genutztes Diagnose-Interview fĂŒr ARFID. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass auch Menschen mit höherem Gewicht unter ARFID leiden – mit teils anderen Symptomen“, so Schmidt. In der Studie wurden 369 Erwachsene befragt, ein Teil zusĂ€tzlich klinisch interviewt. 34 % der Betroffenen mit ARFID hatten ein erhöhtes Körpergewicht. Diese Gruppe zeigte hĂ€ufiger wĂ€hlerisches Essverhalten, stĂ€rkere Alltagsbelastung und ein höheres Risiko fĂŒr Stoffwechselerkrankungen. 100 % berichteten von psychosozialen BeeintrĂ€chtigungen – im Vergleich zu 65 % der Untergewichtigen. Ein zentrales Problem: Die Symptome werden im klinischen Alltag oft fehlgedeutet. „Gerade bei höherem Gewicht wird ARFID ĂŒbersehen – Sorgen um Figur und Gewicht gelten fĂ€lschlich als Hinweis auf andere Essstörungen“, erklĂ€rt Schmidt. Die Forscherinnen fordern nun eine spezifische Diagnostik, sensibilisiertes Fachpersonal und angepasste TherapieansĂ€tze. „Wir schließen eine wichtige ForschungslĂŒcke“, sagt Schmidt – Folgeuntersuchungen sind bereits geplant. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse im Fachjournal Psychotherapy and Psychosomatics.

👉  Weiterlesen auf den Seiten der UM Leipzig

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Zur Originalpublikation:
"Psychopathology in Adults with Co-occurring Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder (ARFID) and Higher Weight" DOI: https://doi.org/10.1159/000547450
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ARFID (Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder) ist eine Essstörung, die Menschen jeden Alters betreffen kann. Ursachen können traumatische Erfahrungen mit Essen oder sensorische Empfindlichkeiten sein. Symptome sind selektive Nahrungsmittelvermeidung, Gewichtsverlust, Angst vor neuen Lebensmitteln und ernÀhrungsbedingte MÀngel.
Betroffen sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene, egal wie alt, welches Geschlecht oder welchen Hintergrund sie haben. Bei Kindern zeigt sich ARFID oft durch selektives Essen oder starke Abneigung gegen bestimmte Lebensmittel. Bei Erwachsenen kann es zu Gesundheitsproblemen und LebensqualitĂ€tsverlust fĂŒhren. Die Symptome können unterschiedlich sein, z.B. begrenzte Essensauswahl, Gewichtsverlust, MangelernĂ€hrung, soziale Probleme und eine beeintrĂ€chtigte LebensqualitĂ€t. Betroffene haben oft Angst vor dem Essen oder Verschlucken. Sie meiden bestimmte Nahrungsmittel aufgrund ihres Geschmacks, Geruchs, ihrer Textur oder anderer sensorischer Eigenschaften.
ARFID kann ernste Folgen fĂŒr die Gesundheit haben. Es kann zu MangelernĂ€hrung, schwachem Immunsystem, Wachstumsverzögerungen und anderen Problemen fĂŒhren. Auf psychischer Ebene kann es zu Isolation, DepressionenAngst und LebensqualitĂ€tseinbußen fĂŒhren. Auch Beziehungen können belastet werden, da Mahlzeiten oft stressig sind. ARFID ist eine ernsthafte Essstörung, die nicht einfach durch Willenskraft ĂŒberwunden werden kann. Betroffene brauchen professionelle Hilfe, um die Ursachen zu verstehen und Wege zu finden, um mit der Störung umzugehen.

🔗 https://www.tness.de/wiki/arfid/

5 📌 FĂŒnf neue Risikofaktoren fĂŒr GebĂ€rmutterkrebs entdeckt

Krebs der GebĂ€rmutterschleimhaut, auch bekannt als Endometriumkarzinom, ist eine hĂ€ufige gynĂ€kologische Krebserkrankung. Weltweit erkranken jĂ€hrlich etwa 400.000 Frauen neu, rund 100.000 Betroffene sterben daran. Risikofaktoren sind Übergewicht, Diabetes oder ein stark erhöhter Spiegel des Geschlechtshormons Östrogen. Auch mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, ein Endometriumkarzinom zu entwickeln. Etwa fĂŒnf Prozent der FĂ€lle gehen jedoch auf eine genetische Veranlagung zurĂŒck: GenverĂ€nderungen, die als Grundlage fĂŒr ein erblich bedingtes Syndrom das Krebsrisiko erhöhen, wie das sogenannte Lynch-Syndrom oder das Cowden-Syndrom. Ein großer Teil der genetischen Ursachen ist aber noch ungeklĂ€rt. Jetzt hat eine internationale Studie unter FederfĂŒhrung der Klinik fĂŒr Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) fĂŒnf neue Veranlagungen fĂŒr das Endometriumkarzinom entdeckt. Das Forschungsteam um Dr. Thilo Dörk-Bousset, Leiter der gynĂ€kologischen Forschungseinheit an der MHH, untersuchte eines der neuen Risikogene namens Navigator-3 (NAV3) genauer. Wurde NAV3 stillgelegt, so wuchsen die GebĂ€rmutterzellen schneller. Eine ĂŒbermĂ€ĂŸige NAV3-AktivitĂ€t fĂŒhrte dagegen zum Absterben der Zellen. „Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass NAV3 normalerweise das Zellwachstum im Endometrium begrenzt und so als sogenanntes Tumorsuppressor-Gen die Krebsbildung unterdrĂŒckt“, erlĂ€utert Dr. Dhanya Ramachandran, Molekularbiologin und Erstautorin der Studie. „Entsprechend ist NAV3 in Endometriumkarzinomen stark reduziert.“

Durch die Studie wurde die bisher bekannte Zahl genomischer Risikofaktoren fĂŒr das Endometriumkarzinom von 16 auf 21 erhöht. „Damit sind wir dem Ziel einer möglichst genauen Risikovorhersage fĂŒr erblich bedingten GebĂ€rmutterkrebs ein StĂŒck nĂ€hergekommen“, sagt Dörk-Bousset. „Denn je mehr verantwortliche Gene wir finden, desto prĂ€ziser lĂ€sst sich die jeweilige Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der eine Frau am Endometriumkarzinom erkranken könnte.“

„Die Grundlagenforschung von heute ist von zentraler Bedeutung fĂŒr die Krebstherapie von morgen“ sagt MINQ-Spezialist Professor Dr. Peter Hillemanns, Direktor der MHH-Frauenklinik und stellvertretender Leiter des Comprehensive Cancer Center Niedersachsen.

Gefördert wurde die Studie durch die Wilhelm Sander-Stiftung. Beteiligt waren neben der MHH weitere Kliniken und Forschungseinrichtungen aus Australien, Belgien, China, Deutschland, Großbritannien, Israel, Italien, Kanada, Kasachstan, Schweden und den USA.

🔗 Zur Originalpublikation

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💬 Über unseren Tellerrand

1ïžâƒŁ Sudoku zeigt: KI kann nicht logisch denken

Sudoku – fĂŒr viele ein entspannter Zeitvertreib, fĂŒr KI-Modelle offenbar ein echter Denkmarathon. Eine neue Studie zeigt: Große Sprachmodelle wie ChatGPT, Gemini oder DeepSeek können zwar Gedichte schreiben, LĂŒgen erzĂ€hlen und diplomatisch argumentieren – aber beim simplen ZahlenrĂ€tsel geraten sie ins Straucheln. Und manchmal sogar in absurde Gefilde: Ein KI-Modell war so verwirrt, dass es mitten im Sudoku plötzlich die Wettervorhersage ausgab.

Forscher:innen der University of Colorado in Boulder haben 2.300 Sudokus im 6x6-Format erstellt und sie von verschiedenen KI-Modellen lösen lassen – darunter OpenAI’s Reasoning-Modell o1 sowie Open-Source-Modelle wie Llama-3.1, Gemma-2 und Mistral. Das Ergebnis: Die Open-Source-KIs scheiterten fast komplett (Lösungsquote: 0,4 %), wĂ€hrend o1 immerhin 65 % der RĂ€tsel knackte. Doch selbst die besten Modelle hatten Schwierigkeiten, ihre Lösungen nachvollziehbar zu erklĂ€ren. In nur 5 % der FĂ€lle konnten sie eine korrekt gesetzte Zahl logisch begrĂŒnden.

Die Ursache liegt laut den Forschenden im grundsĂ€tzlichen Denkansatz der Sprachmodelle: Sie arbeiten probabilistisch, nicht regelbasiert. Das macht sie kreativ – aber auch anfĂ€llig fĂŒr Denkfehler. Statt systematisch alle EinschrĂ€nkungen im Zahlenraster zu berĂŒcksichtigen, geraten sie ins Schwimmen. Besonders bizarr: Ein Modell ignorierte das Sudoku komplett und wechselte plötzlich zum Wetterbericht. KI im Delirium?

Die Studie zeigt, dass KI-Modelle zwar verblĂŒffende FĂ€higkeiten besitzen, aber bei logischen Aufgaben wie Sudoku schnell an ihre Grenzen stoßen. „Viele feiern die neuen FĂ€higkeiten von KI“, sagt Studienleiter Anirudh Maiya. „Aber es ĂŒberrascht nicht, dass sie bei vielen Aufgaben immer noch schlecht abschneiden.“

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Zur Originalpublikation:
Anirudh Maiya, Razan Alghamdi, Maria Leonor Pacheco, Ashutosh Trivedi, and Fabio Somenzi. 2025. Explaining Puzzle Solutions in Natural Language: An Exploratory Study on 6x6 Sudoku. In Findings of the Association for Computational Linguistics: ACL 2025, pages 3002–3009, Vienna, Austria. Association for Computational Linguistics. DOI:10.18653/v1/2025.findings-acl.155

2ïžâƒŁ Asteroiden – unterschĂ€tzte Gefahr aus dem All

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein großer Asteroid auf der Erde einschlĂ€gt, ist höher als die Chance, vom Blitz getroffen zu werden. Was nach Science-Fiction klingt, ist das Ergebnis einer neuen Studie von Forschenden des Olin College of Engineering, der Aalborg UniversitĂ€t und der University of Maryland. Sie berechneten: Die jĂ€hrliche Einschlagswahrscheinlichkeit eines Asteroiden mit mehr als 140 Metern Durchmesser liegt bei etwa 9,1 × 10⁻⁔. Hochgerechnet auf ein durchschnittliches Menschenleben entspricht das einer Chance von 1 zu 156 – deutlich höher als die Blitzschlag-Wahrscheinlichkeit (1 zu 16.260).

Grafik: https://phys.org/news/2025-08-lifetime-odds-dying-asteroid-impact.html

Ziel der Studie war es, das abstrakte Risiko kosmischer EinschlĂ€ge greifbar zu machen. DafĂŒr verglichen die Forschenden die Asteroidengefahr mit anderen seltenen, aber bekannten Todesursachen wie AutounfĂ€llen oder Kohlenmonoxidvergiftungen. Der Unterschied: AsteroideneinschlĂ€ge sind die einzige Naturkatastrophe, die sich theoretisch verhindern lĂ€sst. Die NASA-Mission „DART“ demonstrierte 2022 erstmals erfolgreich, dass sich die Flugbahn eines Asteroiden gezielt verĂ€ndern lĂ€sst. Mit ausreichend Vorwarnzeit könnten Ă€hnliche Missionen einen Einschlag verhindern – vorausgesetzt, das Objekt wird frĂŒh genug entdeckt.

Die Auswirkungen eines Einschlags hĂ€ngen stark von GrĂ¶ĂŸe und Einschlagsort ab. WĂ€hrend kleinere Objekte im Ozean kaum Schaden anrichten könnten, wĂ€ren bei einem Treffer in dicht besiedelten Regionen bis zu eine Million Menschen betroffen. GrĂ¶ĂŸere Asteroiden könnten sogar globale Katastrophen auslösen – wie beim Einschlag vor 66 Millionen Jahren, der vermutlich das Aussterben der Dinosaurier verursachte.

Die gute Nachricht: Rund 47 % der geschĂ€tzten 22.800 erdnahen Asteroiden ĂŒber 140 Meter sind bereits katalogisiert. Keiner davon stellt derzeit eine akute Bedrohung dar – auch nicht der Asteroid 2024 YR4, der Anfang 2025 fĂŒr Schlagzeilen sorgte. Damals war ein Einschlag auf der Erde nicht ausgeschlossen, inzwischen gilt: Die Erde bleibt verschont, der Mond könnte jedoch getroffen werden.

👉  Weiterlesen auf den *Seiten der Frankfurter Rundschau* sowie phys.org

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Zur Originalpublikation:
C. R. Nugent et al, Placing the Near-Earth Object Impact Probability in Context, arXiv (2025). DOI: 10.48550/arxiv.2508.02418

📣 AnkĂŒndigungen

1ïžâƒŁ Wie wir sehen, was wir sehen: GrĂ¶ĂŸter europĂ€ischer Kongress zur visuellen Wahrnehmungsforschung in Mainz

Wie sehen wir die Welt? Und wie verarbeitet unser Gehirn das Gesehene? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der European Conference on Visual Perception (ECVP). Rund 1.000 Expert:innen aus 40 LĂ€ndern werden erwartet – aus Psychologie, Medizin, Informatik und weiteren Disziplinen.

Zwei öffentliche AbendvortrĂ€ge laden auch Laien ein: Am 26. August spricht Prof. Dr. Roland Fleming (Gießen) ĂŒber die Geschichte und Zukunft der visuellen Wahrnehmung. Am 27. August referiert William H. Warren (Brown University, USA) ĂŒber das Zusammenspiel von Wahrnehmung und Handlung. Beide VortrĂ€ge beginnen um 17 Uhr auf dem Campus der JGU, Anmeldung per E-Mail erforderlich.

Als Satellitenveranstaltung findet vom 21. bis 23. August die Visual Science of Art Conference (VSAC) im Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden statt. Zudem wird die MANER-Konferenz zur Materialwahrnehmung am 28. und 29. August in Mainz und Darmstadt ausgerichtet.

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Die ECVP ist Europas grĂ¶ĂŸte Fachtagung zur visuellen Wahrnehmung und findet seit 1978 jĂ€hrlich statt. In ĂŒber 50 Sessions geht es um Themen wie Objekterkennung, soziale Wahrnehmung und optische TĂ€uschungen. Die Konferenz verbindet Grundlagenforschung mit praktischen Anwendungen – etwa im Straßenverkehr oder in der Rehabilitation.

👉 Zur Kongress-Homepage

👉 Zum Online-Programm

📅 Wann: 24 bis 28 August 2025

📍 Wo: Johannes Gutenberg-UniversitĂ€t Mainz, Saarstraße 21, 55122 Mainz

đŸ€• IchalsPatient

1ïžâƒŁ „Boulder dich stark“: Therapie trifft Bewegung đŸ§—â€â™€ïž

Bouldern hilft gegen Angst, Stress und Sorgen – das zeigen Studien der Psychiatrischen Klinik Erlangen. Das neue Jugendprojekt „Boulder dich stark“ sucht Jugendliche, die beim therapeutischen Bouldern Angst, Stress und Sorgen abbauen möchten. Denn: Therapeutisches Klettern stĂ€rkt nicht nur Muskeln, sondern auch Selbstvertrauen und psychische StabilitĂ€t.

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Klettere mit!
Gesucht werden Jugendliche von 13 bis 18 Jahren. Ab Oktober 2025 beginnen Gruppen in Erlangen, NĂŒrnberg, Bamberg und Regensburg – Anmeldung bis 11. September.
👉 Weitere Informationen und Anmeldung unter https://www.psychiatrie.uk-erlangen.de/med-psychologie-soziologie/forschung/boulder-dich-stark/ sowie bei Prof. Dr. Carolin Donath, 09131 85-34526, boulderdichstark.ps(at)uk-erlangen.de

2ïžâƒŁ Weißer Kittel oder lieber leger? Was der weiße Kittel ĂŒber Vertrauen verrĂ€t

Der erste Eindruck zĂ€hlt – auch in der Medizin. Eine neue Studie zeigt: Die Kleidung von Ärzt:innen beeinflusst maßgeblich, wie professionell und vertrauenswĂŒrdig sie von ihren Patient:innen wahrgenommen werden. Der klassische weiße Kittel bleibt dabei ein starkes Symbol – aber nicht ĂŒberall und nicht fĂŒr alle gleich. Neben Sprache und Körpersprache spielt das Ă€ußere Erscheinungsbild eine zentrale Rolle fĂŒr die Arzt-Patient-Beziehung. Kleidung kann Vertrauen fördern, aber auch Distanz erzeugen. Der weiße Kittel, einst als Zeichen fĂŒr Hygiene und SeriositĂ€t eingefĂŒhrt, wirkt bis heute – allerdings abhĂ€ngig vom Kontext. Studien fanden deutliche Unterschiede je nach medizinischem Setting: In der Hausarztpraxis wurde legere Kleidung mit weißem Kittel bevorzugt, in Notaufnahmen und OP-SĂ€len hingegen OP-Kleidung. Dermatologen, AugenĂ€rzte und GynĂ€kologen schnitten in weißem Kittel besser ab, wĂ€hrend AnĂ€sthesisten und Gastroenterologen in grĂŒner OP-Kleidung ĂŒberzeugten.

Besonders auffĂ€llig: MĂ€nnliche Ärzte in Anzug und Kittel galten als kompetent, wĂ€hrend weibliche Ärzte in Ă€hnlicher Kleidung oft fĂ€lschlich als Pflegepersonal wahrgenommen wurden. Bei Chirurginnen entschied der weiße Kittel ĂŒber Akzeptanz – Freizeitkleidung oder selbst ein Anzug ohne Kittel wurden deutlich kritischer bewertet. WĂ€hrend der Pandemie verschob sich die Wahrnehmung: OP-Kleidung und Schutzmasken wurden als Zeichen fĂŒr Hygiene und Sicherheit geschĂ€tzt. Kinder und Jugendliche hingegen bevorzugten weiterhin leger gekleidete Ärzt:innen, die ihnen WĂ€rme und NĂ€he vermittelten.

Die Studie zeigt: Ärztliche Kleidung ist ein SchlĂŒssel zur Vertrauensbildung – und beeinflusst die QualitĂ€t medizinischer Kommunikation. Die Herausforderung liegt darin, ProfessionalitĂ€t und NĂ€he gleichermaßen sichtbar zu machen.

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Zur Originalpublikation:
Kim J, Ba Y, Kim J*, et alPatient perception of physician attire: a systematic review updateBMJ Open* 2025;**15:**e100824. doi: 10.1136/bmjopen-2025-100824

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