đ 13/2026
Wie Mikroben unser GedĂ€chtnis altern lassen · KI in der Onkologie â Potenzial groĂ, Datenbasis klein · HĂ€ndehygiene als QualitĂ€tsfaktor · Mehr Zweitmeinungen â Expertise vor Eingriffen steigt · Warum wir selten allein handeln · warum wir Schönheit in Tierstimmen hören können · Urlandschaft Europa
đ 5 weekly picks
1 đ âł LĂ€Ăt sich die jugendliche GedĂ€chtnisleistung zurĂŒckgewinnen? Wie Mikroben unser GedĂ€chtnis altern lassen đ§ đŠ
Dass das GedĂ€chtnis im Alter nachlĂ€sst, galt lange als reines Problem des Gehirns. Eine aktuelle Studie in Nature zeigt nun jedoch: Ein wesentlicher âFernauslöserâ fĂŒr den geistigen Abbau könnte im Darm liegen. Ein Team um Christoph Thaiss vom Wu Tsai Neurosciences Institute an der Stanford University identifizierte eine spezifische Achse zwischen Mikrobiom und Hippocampus, die die Art und Weise, wie wir altern, grundlegend beeinflussen könnte: Im Laufe des Lebens verĂ€ndert sich die Zusammensetzung unserer Darmflora. Besonders das Bakterium Parabacteroides goldsteinii breitet sich im Alter aus. Dieses produziert vermehrt mittelgrundige FettsĂ€uren (MCFAs), die ĂŒber den Rezeptor GPR84 EntzĂŒndungsprozesse in peripheren Immunzellen auslösen. Die Folge:
- Die Signale des Vagusnervs (die sogenannte Interozeption) werden gestört.
- Das Gehirn erhÀlt abgeschwÀchte Informationen aus dem Körper.
- Im Hippocampus sinkt die neuronale AktivitÀt, was die Speicherung neuer Erinnerungen blockiert.
Die Forscher konnten diesen Prozess bei alten MĂ€usen experimentell umkehren. Durch den gezielten Einsatz von Phagen gegen die Bakterien, die Hemmung von GPR84 oder die kĂŒnstliche Reaktivierung des Vagusnervs kehrte die jugendliche GedĂ€chtnisleistung zurĂŒck. Die Studie fĂŒhrt den Begriff der âInterozepto-Mimetikaâ ein â Wirkstoffe, die die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn stimulieren. Diese könnten kĂŒnftig eine völlig neue therapeutische Strategie darstellen, um dem altersbedingten kognitiven Verfall entgegenzuwirken, ohne direkt im Gehirn ansetzen zu mĂŒssen.
Cox, T. O., et al. (2026). Intestinal interoceptive dysfunction drives age-associated cognitive decline. Nature. https://www.nature.com/articles/s41586-026-10191-6
đ§ Dazu der hörenswerte Podcast der Stanford University:
Could boosting gutâbrain communication prevent memory loss? A tale of microbes, memory, and our internal senses | Christophe Thaiss
2 đ đ§Ź LLMs in der Onkologie â beeindruckende Technik, schwache Datenbasis đ„ïžđ
Experten vom Deutschen Krebskongress 2026, der kĂŒrzlich in Berlin stattfand, zeigen: Large Language Models (LLMs) revolutionieren die Krebsmedizin: sie können Akten strukturieren, Therapien optimieren, sogar empathischer antworten als Ărzte. Doch Deutschlands fragmentierte Dateninfrastruktur bremst den Fortschritt massiv aus. Kliniken erzeugen jĂ€hrlich riesige Datenmengen, aber 80âŻ% liegen unstrukturiert vor. LLMs könnten genau hier ansetzen: Akten extrahieren, Wissen verknĂŒpfen, Therapieentscheidungen unterstĂŒtzen.
Aber die RealitĂ€t bremst. âIn ganz Deutschland gibt es keine einzige Klinik, die alle Patientendaten auf einer Plattform hatâ, so PD Dr. Thomas Elter (Leiter AG Onkologische Bewegungsmedizin, UK Köln). WĂ€hrend China und die USA mit zehntausenden FĂ€llen ihre KI trainieren, arbeiten deutsche Teams mit zweistelligen Fallzahlen. Denn: 55 bis 60% klinischer KI-Daten stammen aus China â Deutschland fehlt in den Top-10. Gleichzeitig entstehen klinisch relevante Anwendungen: KIâPrognosen beim Pankreaskarzinom erreichen bis zu 79âŻ% Genauigkeit, Chatbots beantworten Patientenfragen teils prĂ€ziser und empathischer als Ărztinnen und Ărzte. Aber Fehlanwendungen â bis hin zu Vergiftungen durch falsche ErnĂ€hrungstipps â zeigen die Risiken unkontrollierter Nutzung.
Die Diskussion machte deutlich, dass die technischen Möglichkeiten weit fortgeschritten sind, wĂ€hrend die strukturellen Voraussetzungen in Deutschland hinterherhinken. Ohne vernetzte DatenbestĂ€nde, klare GovernanceâModelle und gemeinsame Forschungsstrukturen bleibt das Potenzial groĂer Sprachmodelle in der Onkologie nur eingeschrĂ€nkt nutzbar. Der Vorschlag, eine German AI Oncology Group zu etablieren, wurde als Hinweis verstanden, dass eine koordinierte BĂŒndelung vorhandener Daten und Ressourcen notwendig wĂ€re.
đ Weiterlesen auf den auf den Seiten von Healthcare Europe
đ Spannend dazu auch der Artikel AI in der Onkologie: Nichts tun ist keine Option
3 đ HĂ€ndehygiene ist SchlĂŒssel zur Patientensicherheit âđĄïž
Die konsequente HĂ€ndehygiene gehört zu den wirksamsten MaĂnahmen, um Infektionen in medizinischen Einrichtungen zu verhindern â und ist damit zentral fĂŒr die Sicherheit von Patient:innen ebenso wie fĂŒr den Schutz des Klinikpersonals. Da dieses Thema in der VersorgungsqualitĂ€t eine tragende Rolle spielt, wird es regelmĂ€Ăig in den MINQ-Recherchen als wichtiges QualitĂ€tsmerkmal bewertet, bei denen strukturierte Hygienekonzepte und deren konsequente Umsetzung untersucht werden.
Ein aktuelles Beispiel liefert das Ortenau Klinikum: Die Standorte Achern und Offenburg-Kehl wurden im Rahmen der Initiative Aktion Saubere HĂ€nde mit Goldzertifikaten ausgezeichnet. Grundlage dafĂŒr sind standardisierte Erhebungen zur Einhaltung von Desinfektionsvorgaben sowie zum Verbrauch von HĂ€ndedesinfektionsmitteln â beides klare Indikatoren fĂŒr gelebte Hygienepraxis im Klinikalltag.
Die Initiative, die auf der WHO-Kampagne âClean Care is Safer Careâ basiert, verfolgt ein klares Ziel: die nachhaltige Verbesserung der Patientensicherheit durch bessere HĂ€ndehygiene. UnterstĂŒtzt wird sie unter anderem vom Nationalen Referenzzentrum fĂŒr Surveillance von nosokomialen Infektionen sowie dem AktionsbĂŒndnis Patientensicherheit.
FĂŒr Kliniken bedeutet die Teilnahme nicht nur eine Auszeichnung, sondern auch eine kontinuierliche ĂberprĂŒfung und Optimierung interner AblĂ€ufe. Gerade darin liegt der entscheidende Mehrwert: Hygienestandards werden nicht als einmalige MaĂnahme verstanden, sondern als fortlaufender Prozess. Die doppelte Goldauszeichnung des Ortenau Klinikums zeigt, wie nachhaltiges Engagement in der HĂ€ndehygiene messbare QualitĂ€t schafft â ein Aspekt, der auch kĂŒnftig in den MINQ-Bewertungen eine wichtige Rolle spielen wird.
đ Zur Pressemitteilung des Ortenau-Klinikums
4 đ đ đ Mehr Expertise vor Eingriffen â Zahl der Zweitmeinenden steigt erneut đ„ đ đ§
Die Zahl der Ărztinnen und Ărzte, die fĂŒr das gesetzlich geregelte Zweitmeinungsverfahren zugelassen sind, wĂ€chst kontinuierlich. Das zeigt der aktuelle Bericht der KassenĂ€rztlichen Bundesvereinigung (KBV) zu den bundesweiten Genehmigungen im Jahr 2024, der nun vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GâBA) veröffentlicht wurde.
FĂŒr alle planbaren Eingriffe, bei denen Patient:innen Anspruch auf eine unabhĂ€ngige Zweitmeinung haben, verzeichnete die KBV erneut steigende Zahlen. Besonders deutlich fiel der Zuwachs bei Eingriffen an der WirbelsĂ€ule (2024: 413; 2023: 349), Knieendoprothesen (2024: 551; 2023: 468) und Schulterarthroskopien (2024: 589; 2023: 525) aus. Neu hinzugekommen sind 2024 zudem Zweitmeinungen zu Aortenaneurysmen (33) und HĂŒftgelenkersatz (185). Auch bei etablierten Verfahren wie der Hysterektomie (412), Tonsillektomie (260) oder Herzkatheteruntersuchungen (103) bleibt das Angebot stabil. FĂŒr die jĂŒngst eingefĂŒhrten Zweitmeinungsverfahren â KarotisâRevaskularisation sowie Eingriffe beim lokal begrenzten Prostatakarzinom â liegen noch keine vollstĂ€ndigen Jahreszahlen vor, erste Zweitmeinende sind jedoch bereits ĂŒber die KBVâArztsuche abrufbar.
Der Bericht zeigt: Das Zweitmeinungsverfahren etabliert sich zunehmend als feste SĂ€ule der EntscheidungsunterstĂŒtzung bei elektiven Eingriffen. Mit der wachsenden Zahl qualifizierter Zweitmeinender steigt auch die Transparenz fĂŒr Patient:innen und fördert damit besser informierte Therapieentscheidungen.
đ Weitere Infos auf den Seiten des G-BA
5 đ đ§ đ Warum wir nicht allein handeln â und was die Forschung ĂŒber uns verrĂ€t đ„ đ
Warum fĂ€llt es uns so schwer, VerĂ€nderungen allein umzusetzen â selbst wenn wir wissen, dass sie sinnvoll sind? Eine aktuelle Studie der UniversitĂ€t ZĂŒrich, veröffentlicht in Nature Human Behaviour, liefert darauf eine aufschlussreiche Antwort: Wir orientieren uns stĂ€rker an anderen, als wir denken.
Im Zentrum steht ein einfaches, aber wirkungsvolles Konzept: Menschen haben individuelle âSchwellenwerteâ fĂŒr VerĂ€nderung. Das bedeutet, dass jede:r unterschiedlich viel soziale BestĂ€tigung braucht, bevor ein neues Verhalten angenommen wird. WĂ€hrend einige sofort handeln, benötigen andere erst den sichtbaren RĂŒckhalt vieler Mitmenschen. Diese Dynamik ist tief in unserem sozialen Verhalten verankert. Aus Sicht der Verhaltensökonomie zeigt sich hier ein zentrales Muster: Entscheidungen entstehen selten isoliert. Sie sind eingebettet in soziale Netzwerke, geprĂ€gt durch Beobachtung, Nachahmung und gegenseitige BestĂ€rkung. Allein zu agieren bedeutet daher nicht nur, eine Entscheidung zu treffen â sondern auch, sich gegen die impliziten Erwartungen des Umfelds zu stellen.
Die Studie macht zudem deutlich, dass sozialer Wandel besonders dann gelingt, wenn beides zusammenkommt: die richtigen Personen und die richtigen Verbindungen. Werden gezielt Menschen angesprochen, die kurz vor einem âpersönlichen Wendepunktâ stehen und zugleich gut vernetzt sind, kann sich VerĂ€nderung deutlich schneller verbreiten. So entsteht eine Art Kettenreaktion â aus einzelnen Entscheidungen wird kollektives Handeln.
Was sagt das ĂŒber uns? Vor allem eines: Unser BedĂŒrfnis nach Orientierung an anderen ist kein Zeichen von Unsicherheit, sondern ein grundlegender Bestandteil menschlichen Handelns. Kooperation und soziale Einbindung sind evolutionĂ€r gewachsen und ermöglichen es uns, komplexe Herausforderungen gemeinsam zu bewĂ€ltigen. Auch fĂŒr die Gesundheitsversorgung ist diese Erkenntnis hochrelevant. In den MINQ-Recherchen zeigt sich immer wieder, dass nachhaltige QualitĂ€t dort entsteht, wo Teams funktionieren, Kommunikation gelingt und VerĂ€nderungen gemeinsam getragen werden. Ob Hygienestandards, neue Prozesse oder PrĂ€ventionsmaĂnahmen â sie setzen sich selten durch Einzelne durch, sondern durch soziale Dynamiken. Die Studie liefert damit eine wichtige Botschaft: Wer VerĂ€nderung will, muss nicht nur Inhalte ĂŒberzeugen lassen, sondern auch soziale Strukturen verstehen. Denn wir handeln nicht allein â und genau darin liegt unsere gröĂte StĂ€rke.
đ Weiterlesen auf den Seiten der UniversitĂ€t ZĂŒrich
Radu Tanase, René Algesheimer, and Manuel S. Mariani. Integrating behavioral experimental findings into dynamical models to inform social change interventions. Nature Human Behaviour, 16 March 2026. DOI: 10.1038/s41562-026-02417-4
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đŹ Ăber unseren Tellerrand
1ïžâŁ đž âCalls of the Wildâ â warum wir Schönheit in Tierstimmen hören können đ§đż
WĂ€re es nicht faszinierend, Tiere wirklich zu verstehen, so wie Mowgli im âDschungelbuchâ? Der Biologe Logan James ist davon zwar weit entfernt, doch er kommt dem Prinzip erstaunlich nahe. Seit Jahren erforscht er Paarungsrufe von Fröschen, Finken und anderen Arten. Irgendwann stellte er sich die naheliegende Frage, ob Menschen erkennen können, was fĂŒr Tiere attraktiv klingt.
Genau das hat er in einem groĂ angelegten OnlineâExperiment untersucht. 4.000 Personen nahmen am fĂŒnfminĂŒtigen Quiz âCalls of the Wildâ teil. Sie hörten Tierstimmen und entschieden jeweils, welcher Ruf ihnen besser gefiel. Die Ergebnisse, veröffentlicht in Science, sind ĂŒberraschend eindeutig.
Menschen können tatsĂ€chlich einschĂ€tzen, welche Rufe fĂŒr Tiere besonders anziehend wirken. Wir erkennen Muster, QualitĂ€t und sogar eine Art akustische âSchönheitâ. Das gilt etwa fĂŒr Zebrafinken, Spatzen oder die Rufe der Ă€thiopischen Dscheladas. Charles Darwin hĂ€tte diese Erkenntnis wohl begeistert. Er vermutete schon frĂŒh, dass der Sinn fĂŒr das Schöne uns mit dem Tierreich verbindet. Doch ein Detail der Studie irritiert die Forschenden besonders. Am besten verstanden die Teilnehmenden die pazifische Feldgrille. Ausgerechnet jene Art, die dem Menschen genetisch am fernsten steht.
Vielleicht ist Schönheit universeller, als wir bisher dachten und Tierstimmen folgen Regeln, die wir intuitiv erfassen. Logan James will nun herausfinden, ob auch Tiere menschliche Stimmen âschönâ finden.
đ Weiterlesen auf den Seiten von ORF science
Logan S. James et al. ,Humans share acoustic preferences with other animals.Science391,1246-1249(2026).DOI:10.1126/science.aea1202
2ïžâŁ đł Europas Urlandschaft â Sind dichte WĂ€lder ein modernes MissverstĂ€ndnis? đđŸ

Eine neue Studie der UniversitĂ€t Aarhus stellt ein zentrales Narrativ der europĂ€ischen Umweltpolitik infrage: die Vorstellung, Europa sei ursprĂŒnglich ein geschlossener, dunkler Wald gewesen. Die Datenlage spricht dagegen.
âDie Landschaft war ein stĂ€ndig wechselndes Mosaikâ, sagt Studien-Mitautor Jens-Christian Svenning. âViele BĂ€ume, GrasflĂ€chen und Strauchvegetation â alles relativ chaotisch miteinander vermischt.â GroĂe Pflanzenfresser wie Mammuts, Auerochsen oder Wildpferde hielten diese Offenheit ĂŒber Millionen Jahre hinweg stabil. Erst ihr Verschwinden und das Ende vorindustrieller Landnutzung fĂŒhrten zu den heute dominierenden, gleichmĂ€Ăig dichten WĂ€ldern.
Die Forschenden werteten Pollen, Holzkohle, fossile Insekten, SĂ€ugetiere und Umwelt-DNA aus â bis zurĂŒck ins MiozĂ€n (vor 23,03 Millionen Jahren). Das Ergebnis ist konsistent: Die meisten europĂ€ischen Arten sind evolutionĂ€r an halboffene Systeme angepasst. âIn all diesen Gruppen ist die Mehrheit der Arten mit offenen WĂ€ldern oder parkartigen Strukturen verbundenâ, so Svenning.
Die politische Relevanz ist erheblich. Aufforstungsprogramme setzen hĂ€ufig auf dichte Pflanzungen â ein Ansatz, der laut Svenning âEuropas BiodiversitĂ€t eher gefĂ€hrden als schĂŒtzenâ könnte. Denn viele bedrohte Arten kommen mit geschlossenen Waldstrukturen schlecht zurecht. Auch klimatisch sind halboffene Systeme stabiler. Graslandschaften speichern groĂe Mengen Kohlenstoff im Boden und reagieren weniger empfindlich auf DĂŒrre oder SchĂ€dlingsbefall. âGemischte Ăkosysteme sind langfristig wahrscheinlich die robustere Kohlenstoffsenkeâ, betont Svenning.
FĂŒr die Wiederherstellung natĂŒrlicher Dynamiken spielen groĂe Pflanzenfresser eine SchlĂŒsselrolle. âDie europĂ€ischen NaturrĂ€ume können nicht regeneriert werden, ohne dass es wieder erhebliche BestĂ€nde groĂer Pflanzenfresser gibt.â Domestizierte Arten können einzelne Funktionen ĂŒbernehmen, ersetzen aber nicht die Vielfalt ökologischer Effekte.
Rewilding wĂ€re damit kein romantisches Konzept, sondern ein wissenschaftlich begrĂŒndeter Baustein moderner BiodiversitĂ€tsstrategien â und ein Korrektiv fĂŒr ein lange gepflegtes Bild von Europas âUrwaldâ, das so nie existiert hat.
đ Weiterlesen auf den Seiten von riffreporter und der UniversitĂ€t Aarhus
Guo, WY., Serra-Diaz, J.M., Guo, K. et al. Global functional shifts in trees driven by alien naturalization and native extinction. Nat. Plants 12, 308â318 (2026). https://doi.org/10.1038/s41477-025-02207-2
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1ïžâŁ UK TĂŒbingen: Digitale Therapie gegen vestibulĂ€ren Schwindelđ±đ§
Eine randomisierte Studie an den UniversitĂ€tskliniken TĂŒbingen, UniversitĂ€tsklinikum rechts der Isar MĂŒnchen und der RWTH Aachen zeigt: eine Appâbasierte Ăbungstherapie reduziert vestibulĂ€ren Schwindel signifikant stĂ€rker als eine Standardphysiotherapie: 212 Patient:innen nahmen an der Studie teil, 106 nutzten die digitale Therapie ĂŒber 90 Tage. In dieser Gruppe gingen die Beschwerden im Schnitt um zwei Drittel zurĂŒck. Die Kontrollgruppe zeigte deutlich geringere Verbesserungen.
âViele Patientinnen und Patienten leiden lange unter Schwindel, fĂŒr den Medikamente nur begrenzt wirksam sindâ, sagt MINQ-Spezialist Prof. Hubert Löwenheim, Ărztlicher Direktor der UniversitĂ€tsklinik fĂŒr Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde. Die App setzt auf rund 300 sensomotorische Ăbungen, individuell angepasst. Sein Kollege, Dr. Stephan Wolpert, HNO-Ă€rztlicher Leiter des TĂŒbinger Zentrums fĂŒr Schwindel- und Gleichgewichtserkrankungen, erklĂ€rt: âZiel ist es, das Gleichgewichtssystem zu trainieren und dem Gehirn zu helfen, Schwindelsignale besser zu verarbeiten.â Die Teilnehmenden trainierten ĂŒber 90 Tage tĂ€glich etwa 20 Minuten zu Hause. Die klinischen Effekte zeigen sich auch im Alltag: Ein 74âjĂ€hriger Studienteilnehmer berichtet, er habe âstĂ€ndig das GefĂŒhl gehabt, mein Körper schwanktâ. Nach drei Monaten Training könne er wieder alleine spazieren gehen und Rad fahren.
Die Studie unterstreicht damit, dass digitale Therapien nicht nur ergÀnzen, sondern in bestimmten Indikationen wirksamere Alternativen darstellen können.
The Treatment of Vertigo With a Digital Health App: Findings of the Prospective Randomized Controlled GEVE-I Trial; Markus Wirth, Jannik Pieper, Ulrike Heller et al.; Deutsches Ărzteblatt International (2026). DOI: 10.3238/arztebl.m2025.0232
2ïžâŁ Neue S3-Leitlinie zum Umgang mit gebrechlichen Patienten vorgestellt đ§đ©ș
Die Deutsche Gesellschaft fĂŒr AnĂ€sthesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und 24 weitere Fachgesellschaften haben eine neue S3âLeitlinie zur perioperativen Versorgung gebrechlicher Patient:innen vorgestellt. Sie schlieĂt eine zentrale LĂŒcke: Trotz bekannter Risiken fehlten bislang spezifische Empfehlungen fĂŒr den Umgang mit Frailty rund um operative Eingriffe.
Frailty â gekennzeichnet durch MuskelschwĂ€che, Erschöpfbarkeit und MobilitĂ€tseinschrĂ€nkungen â erhöht das Komplikationsrisiko deutlich. Die Leitlinie empfiehlt daher, alle Patient:innen ab 70 Jahren perioperativ auf Frailty zu screenen, bevorzugt mit der Clinical Frailty Scale (CFS). Bei geplanten gröĂeren Eingriffen, etwa abdominalâ, kardioâ oder thoraxchirurgischen Operationen oder HĂŒftâTEPs, soll zudem eine multimodale PrĂ€habilitation angeboten werden.
ErgĂ€nzend wurden laienverstĂ€ndliche Patienteninformationen entwickelt, um Betroffene besser aufklĂ€ren und in Entscheidungen einbinden zu können. Die Leitlinie markiert damit einen wichtigen Schritt hin zu einer systematischeren, evidenzbasierten Versorgung Ă€lterer Patient:innen im OPâKontext.
đ Weiterlesen auf den Seiten des Ărzteblatts
đŁ AnkĂŒndigungen
1ïžâŁ đ§Źâïž Kinetischer Code im Fokus: Kongress fĂŒr Parkinson und Bewegungsstörungen đ§ đ€
Unter dem Motto âVom Gen zum System â der kinetische Codeâ bringt der Deutsche Kongress fĂŒr Parkinson und Bewegungsstörungen erstmals die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG), den Arbeitskreis Botulinumtoxin (AKBoNT) und dieArbeitsgemeinschaft Tiefe Hirnstimulation (AG THS) in einem gemeinsamen wissenschaftlichen Programm zusammen.
Im Mittelpunkt stehen aktuelle Entwicklungen aus Genetik, Biomarkerforschung, Systemmedizin sowie medikamentösen und nichtâmedikamentösen Therapien â von Botulinumtoxin bis Tiefer Hirnstimulation. ErgĂ€nzt wird das Programm durch praxisnahe Workshops, Fallseminare und Fortbildungen. Die Keynotes von Professor Maiken Nedergaard (Kopenhagen), Professor Andreas Horn (Köln) und Professor Bo BieringâSĂžrensen (Kopenhagen) spannen den Bogen vom glymphatischen System ĂŒber die gezielte Neuromodulation neuronaler Netzwerke bis hin zu aktuellen klinischen Entwicklungen bei Spastik, Dystonie und neuropathischen Schmerzen. Gemeinsam zeigen sie, wie Grundlagenforschung, Netzwerkmedizin und Versorgungsperspektiven die Zukunft der Bewegungsstörungen prĂ€gen.
đ Zu Kongress-Homepage und Wissenschaftlichem Programm
đ Wann: 16. bis 18. April 2026
đ Wo: KONGRESSHALLE am Zoo Leipzig, Pfaffendorfer StraĂe 31, 04105 Leipzig
2ïžâŁ GPGEâJahrestagung 2026 â Kindergastroenterologie trifft Köln đ§đ©ș
Die Gesellschaft fĂŒr PĂ€diatrische Gastroenterologie und ErnĂ€hrung (GPGE) lĂ€dt zu ihrer Jahrestagung nach Köln ein. Der Kongress startet mit einem Fortbildungskurs zu praxisrelevanten Herausforderungen im kindergastroenterologischen Alltag, darunter Diagnosekommunikation bei chronischen Erkrankungen, Antibiotikatherapie sowie Komplikationen bei CED und Biologikaversagen. Fallseminare ermöglichen den Austausch eigener Erfahrungen. Das wissenschaftliche Programm umfasst Symposien mit nationalen und internationalen Expert:innen, AbstractâPrĂ€sentationen und Poster-Sessions.
đ Zu Kongress-Homepage und Wissenschaftlichem Programm
đ Wann: 15. bis 18.04.2026
đ Wo: GĂŒrzenich Köln, MartinstraĂe 29-37, 50667 Köln
đ€ IchalsPatient:in
1ïžâŁ đ„ Patientensicherheit: Fehlende Kommunikation als Kernproblem bei Behandlungsfehlern? đâïž
Zwei FĂ€lle am Kepler UniversitĂ€tsklinikum in Linz haben in Ăsterreich eine Debatte ĂŒber Patientensicherheit ausgelöst: Eine 30-jĂ€hrige Frau erhielt nach einer mutmaĂlichen Gewebeverwechslung eine Krebsdiagnose und verlor GebĂ€rmutter, Eierstock und Eileiter â der Befund stellte sich spĂ€ter als falsch heraus. Ein zweiter Fall wurde zunĂ€chst als weitere Fehldiagnose vermutet, erwies sich jedoch als rasch korrigierter Zuordnungsfehler.
Ob es sich um EinzelfĂ€lle oder ein systematisches Problem handelt, bleibt offen. Patientenvertreter betonen zudem Defizite in der Kommunikation: âPatienten fĂŒhlen sich oft unverstanden.â Auch AnwĂ€lte berichten von langen Wegen zur Akteneinsicht und mangelnder GesprĂ€chsbereitschaft.
Im Gegensatz dazu verfĂŒgt Deutschland ĂŒber ein etabliertes Meldesystem: Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ărztekammern prĂŒfen jĂ€hrlich mehrere Tausend FĂ€lle. Kliniken nutzen Critical Incident Reporting Systems (CIRS) fĂŒr anonyme Meldungen sowie regelmĂ€Ăige MorbiditĂ€ts- und MortalitĂ€tskonferenzen. Studien zeigen jedoch: Die gröĂte Schwachstelle liegt nicht primĂ€r in der medizinischen QualitĂ€t, sondern in der Kommunikation â fehlende Transparenz und spĂ€te Information belasten das Patientenvertrauen erheblich. Ăsterreich hingegen hat keine zentrale, öffentlich zugĂ€ngliche Datenbank zu Behandlungsfehlern. Internationale Studien schĂ€tzen Fehl- oder Fehldiagnosen in der Medizin auf bis zu 10â15 Prozent aller FĂ€lle â eine Zahl, die deutlich ĂŒber offiziell dokumentierten Beschwerden liegt.
Moderne Sicherheitsstandards wie WHO-OP-Checklisten, IdentitĂ€tskontrollen und strukturierte Ăbergaben minimieren Risiken, können aber Fehler nicht ausschlieĂen.
đ Weiterlesen auf den Seiten des Standard
đ zu den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ărztekammernđ€
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